Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle

Ein Wind fuhr durch die Wörter, rüttelte an allen Türen, verwüstete das Haus.

Longlist Deutscher Buchpreis 2026

Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2026
Aspekte – Literaturpreis 2026
Bachmann-Preisträgerin 2023

Es ist, als erzähle eine Stimme direkt und unvermittelt aus unserer bedrohten Gegenwart:  Nichts mehr ist sicher, nirgends ein Halt, weder Wissenschaft, Familie, Religion oder gar die Regierungen der Welt geben uns Orientierung, nicht einmal mehr die Demokratie. Wo Fakten gleichwertig neben Fakes stehen, der Algorithmus entscheidet, womit wir uns beschäftigen, wo medizinische Forschung weniger dem lebendigen Menschen dient, sondern sich – wie im Roman und im russischen Imperium –  auf die jahrhundertelange Erhaltung eines Leichnams stürzt oder – wie in der fiktiven sowie auch der westlichen Welt – die unendliche Verlängerung des Lebens, den Kampf gegen die Sterblichkeit anstrebt, da wird der einzelne Mensch bedeutungslos. Es herrscht die Materie: Staubschichten, Aktenberge, Plastikplanen, Müllreste, Gewebeschichten, Piroggensubstrate, Hirnmasse. Oder auch Gewalt und Krieg, Oligarchen, Immobilienhaie, überbordende Büro- und Autokratien.

In Gordeevs Ende August erschienenem und jetzt schon mit wichtigen Literaturpreisen bedachtem Roman stehen zwei Geschwister im Mittelpunkt:  Lada und Konstantin, zwischen ihnen liegen 17 Jahre: sie vielleicht Ende Zwanzig, er etwa Mitte Vierzig. Ihre Eltern sind in den 70er Jahren aus der Ukraine nach Deutschland ausgewandert. Die Geschwister haben den Kontakt zueinander verloren: Lada versteht nicht, warum ihr hochsensibler, begabter, aber psychisch merklich lädierter großer Bruder trotz der russischen Aggression gegen die Ukraine nach Moskau zurückgekehrt ist und dort im unterirdisch angelegten Institut arbeitet, das für die Erhaltung des Leninschen Leichnams im Mausoleum zuständig ist. Lada selbst ist Künstlerin und Filmregisseurin, sie lebt, notorisch klamm, mit einer gehörlosen Freundin in einer von Gentrifizierung bedrohten Altbauwohnung in Berlin. Wir lernen sie im Flixbus auf der Rückreise von Kiew kennen, bei der sie Mischa, der Busnachbar, für eine Medikamentenstudie zur Lebensverlängerung in Berlin anzuwerben versucht. Ohne dass die Geschwister es voneinander wissen, sind sie durch ihren Onkel, dem in den USA lebenden Oligarchen Boris verbunden, der sie immer wieder beauftragt, Präparate und Aufsätze aus dem Moskauer Institut zu schmuggeln oder geheimnisvolle Gegenstände von der ukrainischen Verwandtschaft zu besorgen. Denn Boris möchte nicht nur über finanzielles Kapital herrschen, er ist in seiner Egomanie auch besessen davon, den Tod zu beherrschen und sich ein ewiges Leben, zumindest nach einer Episode der Kryokonservierung, zu sichern. Was für die Erhaltung eines Leichnams gilt, gilt ja sicher auch für die Erhaltung seines eigenen Lebens, hofft er. Überzeichnung? Übertrieben? Longevity ist ein Trendbegriff, nicht nur im Bereich der Nahrungsmittelergänzung und der Schönheitsindustrie, es laufen Dokus zur entsprechenden medizinischen Forschung auf den Kanälen, und wir erinnern uns  – mit heftigen Bauchschmerzen –  an die kürzlichen Berichte über ein mitgeschnittenes Gespräch von Putin und Xi Jinping zum gemeinsamen Interesse an dieser Möglichkeitsindustrie zum ewigen Leben…

Valeria Gordeev überrollt uns in ihrem im doppelten Sinne tollen
Epos mit einer lustvollen erzählerischen Flut unterschiedlichster Textsorten – Gedankenströmen, Überlegungen, Beschreibungen, Pressemeldungen, Dialoge, literarischen und medialen Reminiszenzen -, dass es nur so eine Freude ist. Fiktive und reale Welt verschmelzen dabei sprachlich und inhaltlich: Wir erleben noch einmal den wahnwitzigen Marsch der Wagner-Söldner Richtung Moskau mit und auch, in einem Akt freudscher Wunscherfüllung, dass der namenlose russische Präsident sein Leben verliert und widersinnigerweise durch einen zwölfjährigen Zirkusakrobaten ersetzt wird. Was ist Realität, was Groteske? Gordeev spielt mit der Sprache, anfangs schreibt sie manch deutsche Wörter in kyrillischen Buchstaben und lauscht ihrer so veränderten Aura hinterher. Sie unterbricht den Buchstabenfluss mit Zeichnungen und ikonischen Abbildungen. Mal befinden wir uns in Ladas Kopf, mal in dem ihres Bruders, plötzlich aber spricht eine Frau, die Mitglied einer obskuren russischen Sekte ist oder ein Bischof aus Lateinamerika, der sich mit der Untersuchung von Stigmata beschäftigt (denn Lenins Leichnam entwickelt nach dem 103. Jahr seiner Einbalsamierung rote Flecken an den Händen…). Wir fliegen mit dem Kamerablick einer Drohne über Moskau und Umgebung oder leiden mit Konstantin im steckengebliebenen Fahrstuhl unter Klaustrophobie.

Auch wenn die Handlungsfäden um viele Ecken herum gesponnen werden, die Perspektiven vielfältig und die Themen durchweg düster sind, ist die Lektüre nicht nur sinnenfroh und unterhaltsam, sondern mehr als einmal vor allem komisch: Einen wunderbar absurden Dialog gibt beispielsweise Ladas Mutter zum Besten, die in einer Pilzberatungsstelle arbeitet und einen um sein Ende besorgten Anrufer berät. An anderer Stelle finden wir uns in der Sendung „Bares für Rares“ wieder, in der eine Dame ein Stück von Lenins Gehirnschicht bewertet haben will – natürlich mit feinem Gehör formuliert. Nicht zu vergessen die KI in Menschengestalt, die Lada schließlich von dem bedauerlichen, aber ja nur vorübergehenden Ableben ihres Onkels unterrichtet, ununterbrochen wohlabgewogene Beurteilungen absondernd, die haarscharf an der Situation vorbeischlittern. Ein Hund ist auch dabei, den Teil von Boris verkörpernd, der vielleicht am Ende der Tage aus dem Eise befreit werden wird. Wer da nicht an den Pudel denkt, der in Fausts Studierstube eindringt und später als Mephisto vor ihm steht! Und doch werden wir geführt als Leser, wenden mit Lada und Konstantin jeweils den Blick von West nach Ost und umgekehrt, teilen ihre jeweiligen existenziellen Sorgen und erwarten mit Spannung, ob sich die Geschwister, nachdem Konstantin sich schließlich nicht einmal mehr bei der Mutter meldet, am Ende doch noch wiederbegegnen werden.

Gordeev hat für dieses über 600 Seiten lange Werk schon jetzt den Jean-Paul-Preis 2026 und den Aspekte-Literaturpreis 2026 bekommen. Mit dem Text „Er putzt“, einem Ausschnitt aus diesem Roman, erhielt die Autorin 2023 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Dass sie den Preis des deutschen Buchhandels dann doch nicht bekam, ist mit Sicherheit den anderen großartigen Büchern dieser Herbstsaison geschuldet –  und vielleicht auch der Leseanforderung, die dieser anspruchsvolle Roman stellt.

Nicht nur ich finde, dass der Berliner Autorin, die 1986 in Tübingen geboren und aufgewachsen ist, mit ihrem Debüt ein großes Stück Literatur gelungen ist, ein außerordentliches Buch, ein einzigartiger Roman unserer Gegenwart – man schaue nur in die zumeist begeisterten Rezensionen der großen Zeitungen. Es ist keine bequeme Kost, das nicht. Aber es ist tatsächlich mal wieder ein Buch, das einen zum Nachdenken treibt – und zwar ganz grundsätzlich und nicht nur den Kopf, sondern auch alle Sinne: Wer nicht den Staub riecht, wem nicht der Atem stockt, wenn er liest, wie Lada in ihrer vom jahrelangen Renovierungswahn verseuchten Mietwohnung verzweifelt, den wird mit Sicherheit zumindest Übelkeit befallen, wenn er das gruselige Piroggenrezept liest, mit dem Jewgenis Mutter die gesamte Institutsabteilung quält. 

Der rätselhafte und so assoziationsreiche Titel stammt aus der chinesischen Weisheitswelt. Er gehört zu den Überlebensstrategien in der Kriegskunst, die im Mittelalter in 36 sogenannte Strategeme zusammengefasst worden sind: Der erfolgreiche Krieger lässt seine Kleidung, seine glänzende Rüstung zurück und flieht ohne sie, damit der Feind angesichts der Hülle, die er vorfindet, getäuscht wird. Offenbar lässt auch die Zikadenlarve ihre Hülle zurück, bevor sie aus der Erde hervorkriecht.

Was werden die Nachgeborenen wohl vorfinden, wenn sie dereinst diese Erde bewohnen. Nichts als goldglänzende leere Hüllen? Ob sie überhaupt glänzen?

Unbedingte Leseempfehlung! Mit Geduld und Spucke wächst der Genuss mit jeder Seite –

Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
S. Fischer Verlag, gebundene Ausgabe, 640 Seiten
26. August 2026, 26 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Franziska Hielscher.

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