Peter Grainger: Gnade vor Recht: Ein Fall für DC Smith

Im Altenheim Rosemary House stirbt eine 78-jährige Bewohnerin. Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen. Bis sich herausstellt, dass nicht Herzversagen zum Tod von Joan Riley führte, sondern eine Überdosis Heroin. DC Smith und sein Team nehmen die Ermittlungen auf. Schnell stellt sich heraus, dass kurz zuvor eine weitere Frau starb, die wie Joan zu den Famous Five gehörte, einer verschworenen Clique von ungewöhnlichen Bewohnern des Altenheims. Doch schon bald ergeben sich Zweifel an der Mordthese. Hat es sich um assistierten Selbstmord gehandelt?

Wie schon im ersten Band konzentriert sich Grainger ganz auf die Ermittlungen und seine Hauptfigur, Detective Constable Smith, der diesmal nicht nur durch seine ironischen Kommentare und nicht immer richtlinienkonforme Arbeitsweise auffällt. Der Fall betrifft ihn auch persönlich, da er sich kürzlich mit diesem Thema auseinandersetzen musste, als seine Frau Sheila tödlich erkrankte und starb.

So ergeben sich zwei zentrale Fragen dieses Romans: Was geschah wirklich? Und wie stehen wir, die LeserInnen, zu assistiertem Selbstmord? Grainger vermeidet es allerdings, daraus eine ausgedehnte, tiefschürfende Analyse mit langen Pro-und-Contra-Diskussionen zu machen. Vielmehr konfrontiert er uns – und seinen Protagonisten – mit dem Dilemma: Gnade vor Recht?

Was die Charaktere angeht, gewinnt DC Smith, schon im ersten Band ein Mensch mit Ecken und Kanten, weiter an Profil und charakterlicher Tiefe, zumal er es mit einem ebenso gewieften Widersacher zu tun bekommt, dem Wortführer der Famous Five, Ralph Greenwood.

Das Ergebnis ist einerseits ein klassischer, allerdings wenig spannender Whodunit mit täglicher Ermittlungsroutine und Dialogen des Ermittlungsteams. Und sicher will man wissen, was in diesem Altersheim vor sich ging, und was die Famous Five miteinander verbindet. Die Frage aber, ob und wie der oder die Schuldige überführt wird, tritt allmählich immer mehr hinter der moralischen und juristischen Bewertung zurück. Die jahreszeitliche Atmosphäre – beginnender Winter – rundet das Thema passend ab.

Graingers zweiter Band ist mehr als leichte Unterhaltung. Diesmal ging es dem Autor offensichtlich nicht um einen ausgeklügelten Plot, sondern darum, uns zum Nachdenken anzuregen über die Frage der Autonomie todkranker Menschen und des Rechts auf menschenwürdiges Sterben.

Peter Grainger: Gnade vor Recht.
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg.
Diogenes, September 2026.
352 Seiten, Taschenbuch, 18,00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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