Naja Marie Aidt: Schere, Stein, Papier

Was ist das Böse? Steckt es von Geburt an in uns oder wird es uns anerzogen? Viele literarische Werke haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt, jedoch selten mit einer so schonungslosen Eindringlichkeit wie in diesem Buch der dänischen Schriftstellerin Naja Marie Aidt. Thomas hat seine schreckliche Kindheit hinter sich gelassen und sich erfolgreich in der Gesellschaft hochgearbeitet. Als sein krimineller und gewalttätiger Vater stirbt, schlägt er die Erbschaft aus, bis er in einem Toaster die Diebesbeute seines letzten Coups entdeckt. Thomas behält das Geld heimlich – schon zieht das Böse wieder in sein Leben ein.

Vor der Vergangenheit gibt es kein Entrinnen. Nach außen hin führt Thomas ein bürgerliches Leben. Er hat einen Schreibwarenladen, eine Beziehung mit der schönen Kunsthistorikerin Patricia, wohnt in einem angesehenen Stadtteil. Weiterlesen

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Joanna Rakoff: Lieber Mr. Salinger

Sie ist jung, unterbezahlt und vernarrt in Bücher. Joanna Rakoff arbeitet 1996 als Assistentin für eine New Yorker Literaturagentur. Dabei will sie selbst Schriftstellerin werden und erhofft sich auf diese Weise den Einstieg in die Branche. Doch statt Manuskripte zu lesen, muss sie stupide Tipparbeiten für ihre exzentrische Chefin erledigen, die sich beharrlich weigert, zum Jahrtausendwechsel in „Modeerscheinungen“ wie Computer und Internet zu investieren. Das Besondere: Ihre Agentur vertritt den ebenso exzentrischen J. D. Salinger, der mit seinem „Fänger im Roggen“ Literaturgeschichte geschrieben hat. Während seine Prosa Joanna dabei hilft, den eigenen Platz im Leben zu finden, geht um sie herum eine Ära zu Ende.

Joanna Rakoff hat einen autobiografischen Roman über ihr „Salinger-Jahr“ geschrieben. Täglich versucht sie, die Aufmerksamkeit ihrer kapriziösen, Kette rauchenden Chefin zu erwerben, wird jedoch wie ein Möbelstück behandelt. Weiterlesen

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Lena Andersson: Widerrechtliche Inbesitznahme

Das ist ein Buch, das atemlos macht. Einerseits möchte man es an die Wand werfen und andererseits brennt man darauf zu wissen, wie diese Idiotie weiter und zu Ende geht. Lena Andersson schafft es, einen Sog zu entwickeln, der süchtig macht. Süchtig wie in diesem „Fall“ Ester Nielsson ist. Und es ist nahezu ein freier Fall. Mich erinnert diese Darstellung von pathologischer Liebessehnsucht an den Film „Eine verhängnisvolle Affäre“ (vielleicht etwas zu sehr Hollywood mit Mike Douglas und Glenn Close) oder Murakamis „Gefährliche Geliebte“. Alles Beschreibungen, Darstellungen von Obsessionen, die zur Katastrophen führen.

Ester verliebt sich erst in ein Phantom, denn persönlich kennt sie den bekannten Aktions- und Videokünstler Hugo Rask gar nicht, hat aber den Job zu erfüllen, über ihn einen Vortrag zu halten. Weiterlesen

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Alice Adams: Als wir unbesiegbar waren

„Die Clique“,  hätte natürlich auch gepasst, aber ich glaube, diesen Titel gab es schon. Wir begleiten Eva, Benedict und die Geschwister Sylvie und Lucien ca. 20 Jahre. Wir steigen ungefähr in dem Alter ein, als sie am Anfang ihres Studentenlebens sind,  irgendwo in England und wir enden quasi in der Mitte des Lebens, wo tiefgreifende Entscheidungen gefallen sind, Freundschaften mehrmals in Frage gestellt wurden und die Zukunft auf keinen Fall so (gekommen) ist, wie man sie sich in jungen Jahren vorgestellt hat.

Wir begegnen die unterschiedlichsten Persönlichkeiten auf ihrem Lebensweg, ihren Wandel, vor allem ihren Spiegel von sich selbst. Lucien, selbstgefällig immer ein „Mir gehört die Welt“ Typ – dazu Frauenheld und Spieler. Seine Schwester Sylvie, hochbegabte Künstlerinnentalent mit der Option auf eine große kreative Karriere mit dem größten Absturz. Weiterlesen

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Andrea Canobbio: Drei Lichtjahre

Einen einfühlsamen Liebesroman erzählt der 1962 geborene italienische Schriftsteller Andrea Canobbio mit seinem neuesten Werk „Drei Lichtjahre“. Darin verlieben sich der Arzt Viberti und die Ärztin Cecilia ineinander, die jedoch beide so schüchtern, zögerlich, verhalten und manchmal widersprüchlich agieren, dass sie wie die berühmten zwei Königskinder lange nicht zusammenkommen können. Das rächt sich: Irgendwann tritt die Schwester der Ärztin – Silvia heißt sie – auf den Plan. Sie hat bei ihrer berühmten Teezeremonie weit weniger Skrupel …

Canobbio erzählt seine Geschichte aus den Perspektiven der drei beteiligten Figuren, wodurch ein und derselbe Vorgang oft dreifach vorkommt. Das sorgt für eine Genauigkeit, die man in anderen Romanen selten findet. Kleinste Gemütsregungen werden thematisiert, wodurch der Leser die Figuren genau kennenlernt. Da bleibt nichts an der Oberfläche. Weiterlesen

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Richard Russo: Ein Mann der Tat

Der US-amerikanische Autor und Pulitzer-Preisträger von 2002, Richard Russo (Jahrgang 1949),  legt mit dem Roman „Ein Mann der Tat“ (Originaltitel: „Everybody’s Fool“) die Fortsetzung von dem 1993 erschienenen Buch „Nobody’s Fool“ (Deutscher Titel: „Ein grundzufriedener Mann) vor. Der DuMont Buchverlag hat beide Titel im Mai 2017 auf Deutsch herausgebracht.

Der Lesende findet sich am Memorial-Day-Wochenende zunächst auf dem Hilldale-Friedhof von North Bath im US-Staat New York anlässlich der Beerdigung von Richter Barton Flatt wieder. Dort stürzt der unglückliche, von Zweifeln geplagte Polizeichef Douglas Raymer ohnmächtig ins offene Grab des Richters und verliert dabei sein einziges Beweisstück für die Untreue seiner vor einem Jahr bei einem Sturz auf der Treppe tödlich verunglückten Frau Rebecka (Becka): eine Garagentorfernbedienung.

Es ist heiß in North Bath und es stinkt. Rub Squeers, einfältiger Gelegenheitsarbeiter, wartet darauf, dass sein einziger Freund Donald Sullivan (genannt Sully) endlich etwas Zeit für ihn hat. Er ist schwer genervt von seiner Frau Bootsie, die ihm mit ihren Vorwürfen das Leben schwer macht. Weiterlesen

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Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Reinweiße Fingernägel, glänzendes Schuhwerk, viktorianisches Seidentuch in der Brusttasche: Edward Feathers ist „sagenhaft sauber“ und verströmt noch im 21. Jahrhundert die Eleganz des Empire herauf. Als Anwalt Old Filth (failed in London, try Hong Kong) hat er in Fernost Karriere gemacht. Doch nach dem Tod seiner Frau Betty bricht sein tadelloses Leben auseinander. In Rückblenden wird das Bild eines Mannes erzählt, der Perfektionismus als Schutzschild gegen seine schrecklichen Kindheitserlebnisse als „Raj Waise“ kultiviert hat. In unvergleichlich britischer Manier schafft es Jane Gardam, Tragik, Komik, Weisheit und Menschlichkeit miteinander zu verknüpfen. Elegant beschwört sie die Ära der Britischen Kolonialzeit herauf, die uns noch heute so verstört wie fasziniert.

In den noblen Räumen des Londoner „Inner Temple“ diskutieren hochrangige Richter und Anwälte über Old Filth. In dessen Leben habe es nie einen Fehlgriff gegeben. Es sei immer alles glatt gelaufen. Weiterlesen

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Colum McCann: Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist

Der Autor Colum McCann wurde im Sommer 2014 Opfer einer Gewalttat, bei der er niedergeschlagen wurde, wie er in der Nachbemerkung des Buches beschreibt. Dieses traumatisierende Erlebnis hat Colum McCann auch in den Geschichten dieses Buches verarbeitet. Das Vorfeld von zwei Geschichten hat er vor dem gewalttätigen Übergriff verfasst, als hätte er das Später bereits erahnen können. Dabei kommt McCann ganz ohne Effekthascherei aus, denn er legt den jeweiligen Focus nicht auf die Taten selbst, sondern auf die bedrückenden und einschneidenden Nachwirkungen.

Die Geschichte „Dreizehn Sichtweisen“ beschreibt die Lebenssituation mit allen körperlichen Einschränkungen des zweiundachtzig jährigen verwitweten Mendelssohn, der sich in einem Restaurant in Manhattan mit seinem Sohn Eillot zum Essen verabredet. Das Groteske an der Geschichte ist, dass Eillot sich seinem Vater kaum widmet, sondern sich nur mit seinem Handy beschäftigt.  Als Mendelssohn später allein das Restaurant verlässt, wird er überfallen und stirbt. Die Polizei kann das Verbrechen trotz überall vorhandener Videokameras nicht aufklären.

In „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist“ konfrontiert uns der Autor mit der Geschichte über eine junge Soldatin, die fern der Heimat der Kälte zwischen den afghanischen Bergen ausgesetzt ist. An Silvester denkt sie an ihren Sohn und ihre Geliebte und möchte mit ihnen telefonieren. Weiterlesen

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Christoph Schulte-Richtering: 32 Tage Juli

Lagos in Portugal war der am weitesten entfernte Ort, den man mit einem Interrailticket erreichen konnte. Die beiden Freunde und frischgebackenen Abiturienten Jayjay und Tiggy hatten genau dieses  Ferienziel vor Augen, in das sie ihre Wünsche und Träume packten und dabei den Eltern den Rücken kehren konnten. Endlich war es so weit und sie konnten ganz auf sich allein gestellt in eine Welt eintauchen, in der sie die ersehnten Freiheiten und Abenteuer auskosten wollten, was natürlich auch mit so manchen Widrigkeiten und ungeahnten Risiken einherging.

Viele Jahre später, Jayjay und Tiggy sind mittlerweile siebenundvierzig Jahre alt, machen die beiden sich nochmals auf, ihren alten Sehnsuchtsort Lagos zu besuchen. Der Zeitpunkt könnte nicht besser passen, denn beide stecken in einer Krise, der eine beruflich, der andere privat. Weiterlesen

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Camille Aubray: Monsieur Picasso und der Sommer der französischen Köstlichkeiten

Für mich ist der Roman „Monsieur Picasso und der Sommer der französischen Köstlichkeiten“ schon jetzt das schönste Buch des Jahres. Der Amerikanerin Camille Aubray ist ein zauberhaftes Porträt einer französischen Familie gelungen, das den Duft der Provence verströmt und eine fiktive Episode aus dem Leben des spanischen Malers erzählt. Der hatte sich im Mai 1936 in ein provenzalisches Dorf zurückgezogen. Die junge Gastwirttochter Ondile hat ihn bekocht und ihm auch Modell gesessen. Picasso dankte mit einem Porträt des Mädchens, und dieses Bild rettet später Ondiles Enkelin Celine die Existenz.

Fast 80 Jahre später macht sich die junge Amerikanerin in der Heimat ihrer Großmutter auf die Suche nach dem Bild, und erfährt am Schluss, dass sie Picassos Enkelin ist. Weiterlesen

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