Yanis Varoufakis: Die ganze Geschichte

Die eigene Wahrnehmung, die eines anderen oder Dritten müssen in einer Angelegenheit nicht zwangsläufig deckungsgleich sein. Insider sehen anders als Outsider. Denn Wissen ist bekanntlich Macht. Und Nichtwissen … Ohnmacht? Die Insolvenz Griechenlands ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Unter anderem wegen der unzähligen Verträge mit anderen europäischen Ländern. Es entstehen Verbindungen und damit automatisch Interessenkonflikte ihrer jeweiligen Vertreter. Das Ringen um Macht und Einfluss auf dem europäischen und globalen Markt kennt weder Vernunft noch Maßhaltung. Hinzu kommen gelenkte Medienberichte und Repressalien, wenn ein Außenseiter plötzlich auf neue Verhandlungen oder sogar Schuldenschnitt besteht. In diesem Kontext kann die eigene Wahrnehmung auch ein Fels in der Brandung sein.

Der Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis, geboren 1961 in Athen, wurde nach dem Regierungswechsel im Januar 2015 Finanzminister im Kabinett von Alexis Tsipras (SYRIZA). In der öffentlichen Wahrnehmung sollte eine kompetente und geeinigte Regierungsmanschaft präsentiert werden. Als mal wieder Intrigen ein politisches Desaster verursachten, traf Varoufakis eine weitreichende Entscheidung: »… Ich konnte nicht zulassen, dass uns ein schwarzes Loch verschlang. Jemand mußte sich dagegen zur Wehr setzen. …(S.366) Yanis Varoufakis fragte Alexis Tsipras in einer nächtlichen Krisensitzung: »… Weißt Du noch, wie Du mich gebeten hast, Syriza nicht beizutreten, damit ich Dinge tun könnte, die sich mit einer Mitgliedschaft in einer Partei nicht vertragen?… Ich tue es, Alexis, aber nur unter der Bedingung …« (S. 367)

Sein Amt hatte Varoufakis bis Juli 2015 inne.
In seinem aktuellen Buch berichtet er unter anderem über seine Erlebnisse in der Eurogruppe, die systematische Missachtung demokratischer Werte und die damit einhergehenden Erpressungen. Gleichzeitig beschreibt er die unzähligen Widrigkeiten, wenn er überfällige Änderungen verlangte, um die ewig falschen Prozessabläufe in der griechischen Wirtschaft zu verhindern. Häufig traf er auf inkompetente beziehungsweise ignorante Amtsinhaber, die für den Erhalt des ‚Marktes‘ und ihrer Macht eher die Bevölkerung eines Landes leiden lassen, als heilsame Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Wer hinter den Männern und Frauen der Eurogruppe tatsächlich die Richtung angibt, wäre ein neues Thema sowie das unsägliche Verhalten deutscher Politiker.
Einige Mechanismen der Unterdrückung hat Yanis Varoufakis wunderbar ausgearbeitet. Für die griechische Tragödie könnte man die Regieanweisung wie folgt beschreiben.
1. Akt: Interessenvertreter locken Politiker gezielt in eine Krise.
2. Akt: Wohlmeinende Helfer bieten DIE LÖSUNG (eine unbefristete Abhängigkeit) an.
3. Akt: Anfangs wird diese ‚Hilfe‘ als Rettung aus einer ‚kompromisslosen‘ Zwangslage empfunden, bis aus der Erleichterung allmählich klare Erkenntnisse werden. Der wohlmeinende Helfer hat auch die eigenen Freunde und Weggefährten abhängig gemacht. Und die ständigen Fragen … Warum habe ich nie Erfolg? Warum renne ich gegen unsichtbare Wände? Warum wird das Leben immer schwerer und sinnentleert … finden auf einmal eine Antwort.

Was danach kommt, ist keine Frage mehr. Yanis Varoufakis lebt es.
Es gibt Bücher, die man lesen muss. Die ganze Geschichte des ehemaligen Finanzministers ist natürlich nicht die vollständige Geschichte. Sie geht weiter, für ihn persönlich mit juristischen Sanktionen und für alle EU-Bürger. Denn die Missachtung von Gesetzen und Bürgerrechten und die daraus resultierenden Folgen bleiben. Wer Varoufakis‘ Erfahrungsbericht lesen möchte, braucht ein wenig Anstrengung und Ausdauer, um den atemraubenden Spannungsbogen zu begreifen. Nach der Lektüre sind die Augen offen für den Unwahrheitsgehalt in politischen Berichten und der Wahlpropaganda.

Fazit: Unbedingt lesen, weil der Letzte bekanntlich die Zeche zahlt. Und wer will schon der Letzte sein?!

Yanis Varoufakis: Die ganze Geschichte.
Verlag Antje Kunstmann, September 2017.
650 Seiten, Gebundene Ausgabe, 30,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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