Walter Bauer: Hutzelmann und Himmel weit (1926/1927)

„Müde und verdrossen ging ich von der Arbeit nach Hause. Wenn man acht Stunden im Kontor saß und Zahlen schrieb und dürre Worte, legt sich ein dünner Schleier über die Augen […], man muß sie nun wieder aufreißen, damit sie die Welt sehen, […]“ (S. 119)

Walter Bauer (1904-1976) ging gerne auf Wanderschaft. Mal wählte er den Wasserweg oder Pfade durch unberührte Natur. Die Sehnsucht nach der Natur findet sich in seinen Geschichten wieder, so dass seine Naturbeschreibungen zu wichtigen Akteuren werden: Das Wasser tost, der Wind braust, die Wälder rauschen. Darin bettet er Ereignisse ein, die aus so unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, dass sie aufmerken lassen.

„Der Nebel machte den Erdboden unsichtbar, den Himmel, er war zwischen den Menschen und trennte sie, er tanzte schwer und geschlossen in die dunkle Ebene. Das sah ich alles, die Stille, die blassen Lichter und Feuerzeichen, die Schatten und ging, nun selber still, nach Hause, in meine Stube.“ (S. 119)

In der gerade veröffentlichten Sammlung werden Texte aus den Jahren 1926 und 1927 vorgestellt, die teilweise in Zeitungen, Anthologien erschienen oder noch nie veröffentlicht worden sind. Sie alle haben kein verbindendes Thema. Seine Protagonisten erleben Schönes, Abenteuer, aber auch schweres Leid.

Walter Bauer erzählt diese Ereignisse häufig verdichtend, stets jedoch anschaulich oder anrührend. Eine informative und unterhaltsame Reise in die Vergangenheit beginnt, bei der sich die Lebens- und Anschauungsweise vor 100 Jahren widerspiegeln. Aus diesem Grund ist seine Zielgruppe männlich. Es entsprach den damaligen Vorstellungen, dass Abenteuer, Kampf und Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur nur zur Erfahrungswelt von Jungen und Männern gehöre. Während den Mädchen und Frauen eine Rolle in einem völlig anderen Umfeld und auch unter strengeren Moralvorstellungen zugewiesen wurde.

Einige Geschichten beschreiben geschichtliche Ereignisse. Hervorzuheben ist die lebendig erzählte Biografie des Erfinders Georg Stephenson, der viel zu früh mit dem Vater in der Kohlengrube arbeiten musste. Hier darf man Parallelen zu Walter Bauers Leben ziehen, der ebenfalls aus armen Verhältnissen kam. Sein Schreibtalent fiel dem Lehrer auf, und deshalb sollte Walter Bauer ebenfalls Lehrer werden. Zeitweise war er dies auch. Er schrieb jedoch lieber für Zeitungen und im Laufe seines Lebens zahlreiche Romane. Seine späten Werke entstanden in Kanada, wo er bis zu seinem Tod lebte.

Als Einstieg hat Jürgen Jankofsky sein Walter-Bauer-Spiel (2004) gewählt, um dessen Biografie und Lebenswerk vorzustellen. Die originelle Einleitung macht auf jeden Fall neugierig, nicht nur Walter Bauers Geschichten zu lesen, sondern auch seine Romane. Wer sich in die Vergangenheit entführen lassen möchte, möge freundlicherweise die Spuren des Fehlerteufels ignorieren.

Walter Bauer: Hutzelmann und Himmel weit (1926/1927).
Mitteldeutscher Verlag, Oktober 2021.
272 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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