Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen

In einer nordfinnischen Stadt lässt die todkranke Lahja ihr Leben, das mit einem belastenden Geheimnis behaftet ist, Revue passieren. Nur ihre Schwiegertochter Kaarina weiß von diesem Geheimnis, nachdem sie auf dem Dachboden einen Brief findet, der eine  Tragödie preisgibt. Obwohl Kaarina sich nie gut mit ihrer eigenwilligen Schwiegermutter verstanden hat, bewahrt sie Stillschweigen und vernichtet den Brief.

Der Rückblick beginnt mit dem Jahr 1895 und Maria, der  alleinstehenden Mutter von Lahja. Maria war Hebamme gewesen. Sie legte Wert darauf, ihr Geld selbst zu verdienen und gesellschaftlich respektiert zu werden. Die Menschen holten Maria nur bei langen und schweren Geburten zu Hilfe, was aber fast jeden Tag vorkam. Hier lesen sich so schonungslose Geschichten wie die, als Maria einer Gebärenden ihr totes Kind mit dem Messer aus dem Leib schneidet, damit die Mutter überleben kann. Am Fluss kocht sie die blutigen Schürzen aus.

Auch Lahja will unabhängig sein und ergattert einen Praktikantenplatz in einem Fotoatelier, obwohl dort sonst nur Männer beschäftigt sind. Später heiratet sie ihren Mann Onni, der das gemeinsame Haus unermüdlich umbaut und vergrößert. Obwohl Onni ein herzensguter Mann ist, vermag er Lahja keine körperliche Erfüllung zu schenken. Nach Onnis Tod wacht Lahja unerbittlich darüber, dass nichts im Haus verändert wird. Alles muss bleiben wie es war. Dies macht das Zusammenleben mit der Familie ihres Sohnes Johannes, dessen Frau Kaarina und deren Kindern teilweise unerträglich. Ganz am Ende wird klar, warum Lahja das, was Onni erschaffen hat, erhalten will.

Einer von Onnis Lebenswegen führt Nach Oulu. Einmal im Monat fährt er mit dem Bus in die Großstadt. Schon immer hat Lahja angezweifelt ob diese Fahrt wirklich nur dazu dient, ein Kreissägeblatt und Ahornholz zu bestellen.

Onni trägt schwer an einer ihm anhaftenden Eigenschaft, von der er sich nicht befreien kann und über die er auch mit niemandem reden kann. Diese Situation belastet ihn so stark, dass er sogar glaubt, seiner blinden Tochter Helena seien seine Sünden auferlegt worden.

Kaarina empfindet ihre Schwiegermutter Lahja wie alle in der Familie als Last. Sogar wenn sie die Küchenschränke öffnet, scheint die allgegenwärtige Lahja herauszuschweben. Wenn Lahja besonders schlechte Laune hat, spricht sie Kaarina gar in der dritten Person an.

Am Ende beweist Kaarina wahre Größe und Stärke, indem sie Lahjas Schuld nicht preisgibt. Die Schicksalswege von vier Menschen aus drei Generationen einer Familie werden in in diesem Roman von einem tragischen Geheimnis geprägt, das sich erst am Ende offenbart.

Die Spannung nimmt vor allem im letzten Drittel des Buches an Fahrt auf.

Tommi Kinnunen wurde 1973 im nordfinnischen Kuusamo geboren.  Wege, die sich kreuzen erschien 2014 im Original und ist Kinnunens erster Roman. Das Buch führte wochenlang die finnische Bestsellerliste an.

Tommi Kinnunen: Wege, die sich kreuzen.
DVA, März 2018.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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