Tobias Goldfarb: Niemandsstadt

Manchmal weiß Josefine nicht, ob sie sich gerade in der Niemandsstadt befindet oder in der Wirklichkeit. Schon lange Zeit muss sie nicht mehr extra einschlafen, um nach „Drüben“ zu gelangen. In der Regel erkennt Josefine recht schnell, ob sie sich in der Niemandsstadt befindet. Hier ist alles möglich: Feen fliegen durch die Luft, Zentauren feiern ausgelassen mitten auf der Straße einen Junggesellenabschied, Wasser fließt nach oben oder es passiert etwas anderes Verrücktes.

Verrückt scheint auch Josefine zu sein, die wie ein Junge aussieht und die deshalb von ihren Klassenkameraden Josef gerufen wird. Oder, wie Eli es ausdrückt, ein Wesen aus dem 19. Jahrhundert zu sein scheint. Fein (von FINE in Josefine) besitzt zwar ein Smartphone, aber es ist so zerbeult und alt, dass es eigentlich in ein Museum gehört statt in die Hand eines Teenagers. Josefine ist nicht einmal bei Magick angemeldet, dem beliebten Instant-Messaging-Dienst.

Eli ist die beste Freundin von Josefine, wahrscheinlich auch die einzige in der Wirklichkeit. Obgleich Elisabeth, wie sie richtig heißt, das genaue Gegenteil von Fein ist. Eli ist auf jeder Social Media-Plattform unterwegs und stets auf der Jagd nach möglichst vielen Followern.

Josefine hingegen ist auf der Suche, was die Niemandsstadt ist, wer zu ihr gelangen kann und was sie zu bedeuten hat. Und sie ist aufgerufen, die Stadt und ihre Bewohner zu retten, denn diese befinden sich in großer Gefahr. Die Balance zwischen den beiden Welten, zwischen denen Fein pendelt, wird fragiler.

Tobias Goldfarb erzählt die Geschichte der Niemandsstadt abwechselnd aus der Sicht von Josefine und Elisabeth, der es gelingt, ebenfalls einen Zugang zur Niemandsstadt zu erhalten. Auf humorvolle und sprach-intelligente Weise verbindet Goldfarb Social Media und Fantasie, Künstliche Intelligenz, Technik und menschliche Vorstellungskraft miteinander. Literarische Anspielungen, philosophische Gedanken ebenso wie Ängste und Lebenswirklichkeiten der Jugend von Heute kommen dabei nicht zu kurz.

Ein Buch, nicht nur für Jugendliche, mit dem Potenzial, junge Menschen für Fantasie und ältere Menschen mit Social Media auf kurzweilige Art und Weise vertrauter zu machen.

Tobias Goldfarb: Niemandsstadt.
Thienemann, Februar 2020.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Michael Pick.

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