Thomas Carl Sweterlitsch: Am Ende der Zeit

Wir schreiben das Jahr 1997. Special Agent Shannon Moss vom Naval Criminal Investigative Service, kurz NCIS wird zum Schauplatz eines Gewaltverbrechens gerufen. Ein Mann, eine ehemaliger Navy Seal, hat seine Frau und eines seiner Kinder umgebracht, ihnen vorher die Nägel von Fingern und Zehen gerissen, bevor er sie offensichtlich kaltblütig hingerichtet hat. Von der Tochter fehlt jegliche Spur. Das Mysteriöse am Verbrechen ist nicht unbedingt das rätselhafte Motiv, sondern, dass der Täter seit Jahren als MIA, als missing in action geführt wurde. An Bord der Libra sollte er eigentlich seinem Land dienen, allein, die Libra und ihre gesamt Besatzung sind verschollen.

Um dies richtig einordnen zu können, sollte man wissen, dass die Nation unter Gott seit geraumer Zeit über den B-L Antrieb verfügt, und mit diesen durch das Quantenschaum-Makrofeld die Galaxie und die Zeit bereist. In die Vergangenheit kann man dabei nicht vorstoßen, wohl aber in eine der unendlichen vielen, möglichen Zukünfte des Muliversums. Und hier, in der Tiefenzeit, traf man auf Terminusse. Zunächst im Jahr 2666, bei späteren Reisen 2456 dann 2121 erblickt des Menschen Auge seiner Spezies Untergang. Die letzten Menschen werden gekreuzigt und geschunden aufgefunden, der Untergang kommt immer näher.

Auch Shannon zählte, nach ihrer Rekrutierung vom College weg zu den wackeren Frauen und Männern die von der Basis auf der Mondrückseite aus in die Welten des Alls und der Zeit aufbrachen. Allerdings büßte sie schon während der Ausbildung auf einer fremden Welt ihren Unterschenkel ein, und wurde zum NCIS versetzt.

Nun nutzt sie die Zeitreise um in verschiedenen Zukünften nach der vermissten Tochter und dem Täter zu suchen – eine Aufgabe, die uns immer wieder bekannte Figuren in einem anderen Ambiente und damit ganz anderen Wesenszügen vorstellt. Was ist das für ein Buch? Eine Kombination aus Thriller und Science Fiction, gespickt mit Zeitreisen und einer Profilerin, die uns so interessant und verletzlich gezeichnet wird, das wir ihr sehr gerne in das Multiversum folgen. Wobei wir auch schon bei der Krux des Romans wären – die Zeitreisen. Zwar versucht der Autor durch seine Vielzahl der möglichen Zukünfte uns die Zeitreise nicht nur begreifbar zu machen sondern auch uns zu veranlassen uns auf diese als Plotmittel einzulassen, sind die Zukünfte auch jeweils sehr differenziert ausgestaltet. In der Einen hat man zum Beispiel, allerdings nur für die Reichen, ein Mittel gegen Krebs entwickelt (Nanobots), in der Anderen gibt es technische Wundermittel zu Hauf – das wirkt alles jeweils recht durchdacht und interessant, wobei unsere Erzählerin sich auch jeweils erst einmal in der zukünftigen Welt zurechtfinden muss.

Dazu setzt Sweterlitsch jede Menge Rückblenden ein, um uns Figuren und Entwicklungen nahe zu bringen. Dass und wie sich die Figuren in den Universen voneinander unterscheiden ist sehr interessant, ja faszinierend beschrieben. Krux bei der Geschichte mit dem Time-Travel ist, dass der oder die Reisende immer wieder in die Gegenwart zurückkommt, auch wenn ihre Reise Jahre gedauert hat – sprich unsere Zeitreisenden alten zum Teil massiv durch die im Multiversum verbrachte Zeit. Nimmt unser Zeitreisender eine Person aus einer der Zukünfte mit zurück in ihre eigene Zeit, wird diese Echo real und kann frei in der Gegenwart agieren. Mehr wird hier nicht verraten.

Leider nicht ganz überzeugen konnte mich die Zeichnung der Protagonistin. Auch wenn wir über sie so einiges erfahren, ihre Jugend mit der alkohol-abhängigen, allein erziehenden Mutter, ihre Freundin, die von einem Junkie ermordet wird, ihre Flucht in die Leichtathletik die letztlich zur Rekrutierung führt – wirklich warm wurde ich mit ihr als Mensch nicht. Zu Vieles blieb hier nur angedeutetes Stückwerk, letztlich blieb Shannon als Charakter flach.

So wartet ein durchaus interessanter Zeitreise-Plot auf den Leser, der Elemente des Kriminal-Thrillers mit SF Versatzstücken kombiniert, dabei einige logische Löcher aufweist, aber nett unterhält – aber auch nicht mehr.

Thomas Carl Sweterlitsch: Am Ende der Zeit.
Heyne, März 2019.
480 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ein Kommentar zu “Thomas Carl Sweterlitsch: Am Ende der Zeit

  1. Ich habe das Buch als gehobene Oberklasse empfunden. Nicht schlecht, aber auch nicht überragend, ich teile da die Kritik an der Protagonistin.

    Wer einen aktuellen SciFi mit Crime und etwas Humor gemixt haben will, sollte bei der Amazone „Mutation: Alte Freunde und profitable Kriege“ suchen. Einer der stärksten deutschen SF der letzten Jahre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.