Tanya Tagaq: Eisfuchs

Es gibt Bücher, die eine Sonderstellung in der Belletristik einnehmen: Sie lassen sich nicht mit anderen Romanen vergleichen, haben ein besonderes Anliegen und bewegen sich sprachlich auf einem ganz eigenen Niveau.

Die Autorin, Sängerin, Komponistin und Performerin Tanya Tagaq wurde 1975 im heutigen Nunavut (Cambriges Bay, Kanada) geboren. Sie erzählt die mythologisch unterlegte Geschichte eines Mädchens im Norden von Kanada über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren, beginnend im Geburtsjahr der Autorin, in der ihr kultureller Hintergrund systematisch von der christlichen Religion zersetzt wird. Dies geht so weit, dass ein verstorbener Schamane nicht mehr beerdigt werden darf und auf der Mülldeponie verrottet. Das Leben im ewigen Eis, minus 50 Grad Celsius bei monatelanger Dunkelheit im Winter und durchgängigem Sonnenschein in den Sommermonaten rahmen die Überlebenszähigkeit der Ureinwohner ein. Sex, Drogen und Countrymusik sorgen für Unterhaltung, bei der die Feiern häufig einem festen Rhythmus folgen:

„… Bier im Bauch,
Leer die Seele,
Arm die Moral,
Außer Kontrolle
Ich freue mich auf den Moment, wenn alle sich wieder in die Menschen verwandelt haben werden, die ich liebe.“ (S.112)

Die Erzählerin und die anderen Kinder des Ortes suchen bei diesen Gelegenheiten das Weite, um sich dem Abenteuer, wilden Spielen und dem Erwachsenwerden anzunähern.

Tanya Tagaq erzählt auf verschiedenen Stilebenen, wie die Erzählerin mit den rauen Sitten fertig wird, um sich später als junge Frau auf ihre kulturelle Herkunft zu konzentrieren. Zurück zu ihren Wurzeln findet sie Heilung, Schmerz, aber auch die Erkenntnis, dass Schuld und Scham Teile eines im Kopf verankerten Gefängnisses sind.

Die Reise durch diese einzigartige Lektüre funktioniert am besten, wenn der Leser westliche, christliche Werte beiseitelegt, um mit allen Sinnen intuitiv in eine fremde Mythologie einzutauchen. Symbolisch könnte der einnehmende Roman mit seinen lyrischen Elementen auch für den Untergang vieler anderer Kulturen stehen, die im einheitlichen Kommerz keinen Raum mehr haben. Übersetzt wurde das Debüt von Caroline Berger, in der Lyrik wurde die Autorin von Michael Mundhenk unterstützt, während Jaime Hernandez das aufwendig und liebevoll gestaltete Buch illustriert hat.

„… Ich frage mich, was mir alles nicht beigebracht worden ist. Ich frage mich, warum sich der Unterricht, den ich bekam, wie Schmiergelpapier auf der Haut anfühlte. Ich war traurig, dass mir das Inuktitut entglitt.“ (S. 60)

Tanya Tagaq: Eisfuchs.
Antja Kunstmann, Februar 2020.
200 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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