Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

 Hinreißend amüsant und dabei gleichzeitig tiefschürfend-ernst: Taffy Brodesser-Akner ist das seltene Kunststück mit diesem Roman gelungen. Ebenso wie jede Liebesgeschichte zwei Perspektiven hat, splittet die Autorin ihren Roman in die verschiedenen Sichtweisen der (Ex-) Liebenden.  Dabei entwirft sie ein ungeschöntes, zeitgemäßes und entwaffnend ehrliches Stück Prosa. Welches teilweise brüllend komisch geschrieben ist.

Dies trifft vor allem auf den ersten Teil des Buches zu. Tobi Fleishman, ein 41-jähriger, jüdischer Arzt mit gerade einmal 1,68m Körpergröße, ist die Frau abhandengekommen. Sprichwörtlich. Seine Ehefrau Rachel, mit der er gerade in Scheidung lebt, liefert die beiden Kinder bei ihm ab, fährt zu einem Yoga-Wochenende und kommt einfach nicht wieder. Tage und Wochen vergehen, Rachel bleibt unauffindbar. Aufgerieben zwischen der alleinigen Kindeserziehung und dem Retten von Menschenleben, flüchtet sich Tobi in „Sexting“ – dem Dating auf rein körperlicher Ebene. Denn zu seiner großen Überraschung hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan in der Singlelandschaft New Yorks. Auf den Dating-Apps wimmelt es von Frauen, die ihm intime Körperteile per Selfie schicken und scheinbar ganz wild darauf sind, den bislang stets übergangenen Tobi flachzulegen. Also stürzt er sich in wahnwitzige Sexabenteuer und Affären. Für den schüchternen Arzt ein sprichwörtlich erhebendes Gefühl… Dennoch bleibt das schlechte Gewissen, die Kinder aufgrund seines eigenen Vergnügens ins Sommercamp abgeschoben zu haben. Zudem folgt auf manch heiße Nacht eine kalte Klatsche am Morgen.

Dieser Teil des Buches ist herrlich schwarzhumorig geschrieben. Tobi erscheint als vielschichtige Persönlichkeit – sympathisch in seiner Rolle als fürsorglicher Vater, vertrottelt-naiv in seiner Rolle als Aufreißer. Ein Teil mag sicherlich die ungewöhnliche Erzählperspektive des Buches dazu beitragen. Geschildert wird Tobis Geschichte aus Sicht einer Frau, von Libby, seine beste Freundin aus Jugendtagen. Gemeinsam mit dem Frauenhelden Seth haben die drei in Amerika und Israel einige unvergessliche Erlebnisse miteinander geteilt, ebenso wie ihren zynischen Humor. Auch Libby hat Probleme. Trotz ihrem modernen, verständnisvollen Ehemann und ihren Erfolgen als Journalistin fühlt sie sich vom Familienleben eingeengt und trauert den guten, alten „freien“ Zeiten hinterher. Sie ist es auch, die den zweiten Teil der Geschichte, die Kehrseite der Medaille, erzählt. Aus Sicht von Rachel, Tobis verschwundener Ex-Frau. Plötzlich erscheint der chaotische, sympathische Tobi weit weniger unschuldig. Es muss doch einen Grund geben, warum Rachel spurlos verschwunden ist. Ist sie am Ende gar nicht das selbstsüchtige Miststück, als das Tobi sie gerne darstellt? Was hat die beiden einst verbunden? Was ist im Laufe der Jahre schiefgelaufen?

Die Erwartungen an die Ehe in der heutigen Zeit sind enorm. Was Paare einst geeint hat, kann sie Jahre später trennen. Man entwickelt sich auseinander, zerbricht an zu hohen Ansprüchen, reibt sich im Alltag auf und stellt fest, dass nichts so ist wie es scheint. Auch nicht bei den anderen.

Tobi erkennt bald: Fragen bezüglich seiner Scheidung haben nichts mit ihm zu tun, sondern nur mit den Gesprächspartnern. Diese wollen damit abchecken, wie es um die eigene Ehe steht. Haben wir noch genug Sex? Haben die anderen vielleicht mehr? Kann man einen Seitensprung vergeben? Wie miserabel ist zu miserabel?

Das ewige Rätsel um die Liebe lässt die Autorin offen. Ob Männer und Frauen überhaupt zusammenpassen, müssen die Leser für sich entscheiden. Warum kann die Liebe nicht wie die Leber sein – jenes Organ, das so gut regeneriert und fast alle Sünden vergisst? Diese Frage stellt sich Hepatologe Tobi oft. Dennoch schwingt neben manch bitterer Erkenntnis immer ein Funken Hoffnung mit.

Bei der Lektüre ist die Konzentration der Leser gefordert. Die Ich-Erzählerin Libby springt in der Zeit immer wieder vor und zurück, wechselt die Perspektiven, vermischt als allwissende Erzählerin ihre eigenen Eheerfahrungen mit den Perspektiven von Tobi und Rachel. Als Leser muss man sich auf diese Sprünge einstellen. Doch sie tun dem Buch gut. Denn durch den Wechsel von Innen- und Außenperspektiven, durch Parallelitäten und Rückblenden nähern wir Leser uns Schicht um Schicht dem wahren Charakter der Protagonisten.

Fazit: Schwarzer Humor, emotionaler Tiefgang, vielschichtige Charaktere: Taffy Brodesser-Akner, die für die New York Times und „GQ“ zahlreiche Stars porträtiert hat, trifft den Nerv der Zeit. Ihr Roman wurde für den National Book Award 2019 und den Woman’s Prize for Fiction 2019 nominiert. Die Pointen sitzen und das Gelesene wirft Fragen auf, mit denen sich wohl alle Liebenden diesseits und jenseits des Big Apple schon einmal beschäftigt haben.

Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten.
dtv, April 2020.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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