Susanne Thomas: In Zeiten des Tulpenwahns

„Die meisten der Gesichter waren ihm von seinen früheren Besuchen wohl bekannt. Verbrachten sie den ganzen Tag im Collegium? … Es war eine seltsame Profession, die nichts schuf und keinen Dienst verrichtete, die sich damit begnügte, durch den Kauf und Verkauf Geld scheinbar aus dem Nichts zu schöpfen.“ (S. 326 e-Book)

Der alte Gärtner und Witwer Nicolaes glaubt, er könne mit seiner wertvollen Tulpensammlung reich werden. Bisher waren ihm die Tulpen im Garten lieber als gefüllte Taschen. Doch für seine schöne Tochter Margriet will er es ändern. Sie liebt den jungen Adeligen Frans. Normalerweise wäre eine eheliche Verbindung der beiden unmöglich. Doch weil Frans Vater verschuldet ist, zeigt dieser sich kompromissbereit. Der Besitzer einer wertvollen Tulpensammlung soll ihm eine extrem hohe Mitgift zahlen. Ohne dass Frans und Margriet es ahnen, steht ihre Sehnsucht nach Glück und Liebe anderen im Weg.

Susanne Thomas hat in ihrem historischen Roman die brutale Seite des Handels aufgearbeitet und am Beispiel zweier Liebender und ihrer Familien in Szene gesetzt. Bei möglichen Gewinnmargen wird gern die Schattenseite von Angebot und Nachfrage und erst recht vergangene Auswüchse beim Handel mit Blumenzwiebeln ausgeblendet. Dem Tulpenwahn in den Niederlanden von 1636/1637 folgten noch viele andere, zuletzt 1912.

Das Ziel, möglichst schnell reich zu werden, hat sich bis heute nicht geändert. Wer es geschafft hat, steht in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz oben und legt über Mittelsmänner neue Regeln fest, die immer mehr Menschen ausnehmen. Was sich ebenfalls nicht geändert hat, ist die scheinbare Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen. Ob die Ursache hierfür mangelnde Bildung, fehlendes Hintergrundwissen oder oberflächliche Recherche ist oder einfach nur die blind machende Gier, das ungleiche Spiel im Handel geht weiter.

In Susanne Thomas kurzweiligem Roman gibt es Menschen, die zufrieden sind und glauben, genug zum Leben zu haben. Wie weit diese mit ihrer genügsamen Lebenseinstellung kommen, zeigt die Autorin in prägnanten Szenen und -wechseln. Wie in einem Film bauen sich im Hintergrund von Nicoleas und Margriets beschaulichem Leben Machtspiele und Rachefeldzüge auf und beschreiben ein Sittengemälde, das von vielen Unfreiheiten und Ungerechtigkeiten geprägt ist.

Nur der/die Leser:In sieht die Zusammenhänge, während alle Beteiligten arglos auf ihr drohendes Unglück zu stolpern. Das Glück der Nichtwissenden kann in Frans und Margriets Welt nicht von Dauer sein. Ihre gelebte Moral, Ehrlichkeit währt am längsten, macht sie zu Sympathieträgern und sorgt für Empathie, wenn sie an ihre Grenzen stoßen.

Die Autorin hat nicht nur einen historischen Roman geschrieben. Er spiegelt die Härte der Armut wieder. Auch wenn sich die Zeiten und Sitten geändert haben, die Auswüchse der Spekulationen sind geblieben.

Susanne Thomas: In Zeiten des Tulpenwahns.
Ruhland, März 2021.
234 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,80 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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