Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Oberkommissar Leo Wechsler, Chef der Inspektion A der Berliner Polizei, muss in dem Roman der Mönchengladbacher Autorin seinen siebten Fall lösen. Im heißen Sommer 1928 im Berlin des Charleston und der kriminellen Ringvereine wird die Garderobiere eines Ballhauses ermordet, während im Tanzsaal der Witwenball stattfindet. Natürlich gibt es viele Verdächtige, viele Spuren und viele davon führen in Sackgassen. Ermordet wurde die junge Frau mit Chloroform im Hinterhof von Clärchens Ballhaus. Bei ihrem Tod trug sie ein Kleid, das ihre finanziellen Möglichkeiten überstieg. Woher hatte sie es, warum trug sie ein eigentlich zu elegantes Kleid, während sie ihren Dienst an der Garderobe des Ballhauses versah? Und wo sind die Verbindungen zu mehreren Angriffen auf junge Frauen in Frankfurt und Berlin, bei denen die Opfer mit Chloroform betäubt und missbraucht wurden?

Ganz in klassischer Krimimanier legt Susanne Goga ihren Roman an. Geschickt werden die vielen Spuren den Kriminalisten zugeführt, mit großem Einfühlungsvermögen schildert die Autorin die Hintergründe der verschiedenen Figuren und die privaten oder dienstlichen Probleme der Ermittler. Leo Wechsler hat nicht nur mit der Aufklärung des Mordes zu tun, er kämpft außerdem mit dem physischen und psychischen Verfall eines seiner Mitarbeiter, der von seiner Freundin verlassen wurde. Diese Einblicke in das Privatleben der Kommissare erfolgen mit großer Empathie, ohne dass der Erzähler urteilt. Daran gefiel mir besonders, dass sich dennoch die privaten Probleme der Ermittler nicht in den Vordergrund drängen, wie man es heute oft bei Fernsehkrimis erlebt. Und die Spannung leidet auch nicht, wenn wir beispielsweise miterleben, wie Wechslers Sohn von Hitlerjungen verprügelt wird oder seine Tochter bei einem Schulausflug eine Ausbildungsstätte für medizinisch-technische Assistentinnen besucht.

Denn auch darin ist das Buch stark: die zeitspezifischen, politischen Verhältnisse werden erwähnt, manchmal auch nur angedeutet, ohne dass die Leserin mit Gewalt darauf hingewiesen wird, ohne dass es wie eine Geschichtsstunde wirkt. Dabei stimmt nicht nur das Zeit-, sondern auch das Lokalkolorit, wenn wir die Kommissare auf ihren Wegen durch Berlin begleiten. Susanne Goga beschreibt die Wohnverhältnisse der Bedürftigen ebenso wie die der Reichen oder der Beamten. Hinzu kommen die authentisch dargestellten Ermittlungsmethoden, zum Beispiel zu Todesursache und Identifikationen.

Von den vorherigen sechs Romanen um den Ermittler Leo Wechsler habe ich selbst bisher nur einen weiteren gelesen, der mir auch schon sehr gut gefallen hatte. Auch ohne die anderen Fälle zu kennen, kann man der Handlung in diesem Buch gut folgen. Kleine Bemerkungen weisen hin und wieder auf die früheren Fälle hin, die familiären Verhältnisse der Protagonisten werden unauffällig erläutert.

Selbst wenn die Leserin früh die Lösung erahnen kann, ist das Buch von Susanne Goga ein lesenswerter, herrlich klassischer Kriminalroman mit ausreichend Spannung und Tiefgang. Dass ein Krimi wunderbar auch ohne ständige Handytelefonate funktioniert, hat mich dabei besonders gefreut.

Susanne Goga: Der Ballhausmörder.
dtv, Februar 2020.
320 Seiten, Taschenbuch, 10,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.