Sophie Chen Keller: Die unzähligen Wunder der Carmine Street

Die Patisserie der kleinen Dinge der Lavenders ist ein Ort voller Magie. Hier posieren Cremetörtchen vor den Spiegeln der Vitrine, knusprige Puffreisecken räkeln sich genüsslich wie Katzen, gefüllte Vol-au-Vent-Mäuse hüpfen durcheinander. Die Kunden lieben diesen Laden, den Duft, die Kreationen von Lucy Lavender, und sie wissen, wie wichtig das ledergebundene Buch in der Vitrine am Fenster ist. Lucy bekam es einst von einer Unbekannten geschenkt, der sie eine freundliche Geste erwiesen hatte, und mit dem Buch erwachte der Laden zum Leben. Er ist das Zuhause von Lucy, ihrem Sohn Walter Lavender jr. und Golden Retriever Milton. Hier fühlt sich der zwölfjährige Ich-Erzähler Walter geborgen und verstanden, obwohl er kaum spricht. Er hat eine motorische Sprechstörung, es gelingt ihm nicht, Worte mit Lippen und Zunge zu formen, obwohl sie in seinem Kopf sind. In der Schule steht er im Abseits, er hat sich daran gewöhnt, immer übersehen zu werden. Er ist ein guter Beobachter und bemerkt Dinge, die anderen niemals auffallen würden, wie „Schrammen oder Schnörkel auf der Wirklichkeit“ oder „das enttäuschte Zischen, wenn man etwas im Keim erstickt, bevor es ausgesprochen werden kann“ (Zitat S. 8.). Die Gabe, verloren gegangene Dinge wiederzufinden, begründet seinen Platz in der Welt. Doch das Wichtigste konnte er bislang nicht finden: seinen Vater Walter Lavender Senior, dessen Flugzeug kurz vor Walters Geburt verschollen ist. Er wartet auf ein Zeichen und stellt eine Öllampe ins Fenster, die dem Vater den Heimweg weisen soll.

Eines Tages geschieht etwas Furchtbares. Das Buch verschwindet und mit ihm alles Leben, das den Laden ausmacht. Zudem erhöht der neue Eigentümer die Miete; sie ist ohne die Wunderdinge, die die Kunden anziehen, nicht zu erwirtschaften. Für Walter ist klar, dass er das Buch finden muss, sieben handgezeichnete Seiten in einem abgenutzten Ledereinband; er hat nur einen einzigen Tag Zeit. Seine Heldenreise beginnt, der unerschütterliche Milton ist an seiner Seite. Sie folgen dem kaum merklichen Leuchten, das von dem Buch ausgeht, und lernen besondere Menschen kennen. Die sieben Blätter wurden voneinander getrennt und sind durch verschiedene Hände gegangen; es ist nicht leicht, alle wiederzufinden. Wie es sich für ein Märchen gehört, muss Walter die Seiten zurück verdienen und dabei über sich selbst hinauswachsen.

„Die unzähligen Wunder der Carmine Street“ zu lesen ist wie eine Auswahl Feingebäck aus der Patisserie der kleinen Dinge zu essen: luftig, süß, schokoladig, mit handgeschlagener Sahne und einem Hauch Mandelaroma. Etwas mehr davon wäre zu viel. Walters Sprechstörung wird zwar erklärt und auch, was die entsetzte Reaktion eines Mädchens am ersten Schultag in ihm auslöste, aber das Mobbing durch die jetzigen Klassenkameraden erscheint unrealistisch erträglich. Die Suche nach dem Buch ist ein wenig zu metaphorisch angereichert, Walters Erkenntnisse werden für meinen Geschmack eine Spur zu offensichtlich auf einem silbernen Tortenteller präsentiert, die Überwindung aller Hindernisse ist eine Idee zu unwahrscheinlich und das Ende mehr als nur ein bisschen märchenhaft. Dennoch ist das Lesen ein Genuss, dank der vielen wundervollen Bilder, die die Autorin erschafft, dank ihres warmherzigen Blicks auf Menschen am Rande der Gesellschaft und dank der Botschaft, wie bedeutsam Güte und wie wichtig Geschichten sind.

Klare Leseempfehlung an diejenigen, die gerne in Süßem schwelgen, Magie in kleinen Dingen sehen oder sich an einem dunklen Tag in einem warmen Buch verkriechen möchten.

Sophie Chen Keller: Die unzähligen Wunder der Carmine Street.
List, September 2017.
352 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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