Siri Hustvedt: Damals

Siri Hustvedt begibt sich in Damals auf die Spuren der Vergangenheit ihrer Protagonistin, einer etwas über sechzigjährigen Schriftstellerin – womit sie eine von vielen  Parallelen zu ihrer eigenen Person knüpft. Dieser sicher stark autobiografisch geprägte Roman spiegelt die reale Gegenwart mit fiktiven Gedankeneinschüben und öffnet Fenster in das Gewesene mit Seiten aus Tagebuchaufzeichnungen einer Schriftstellerin als junges Mädchen.

Die Protagonistin, eine junge Frau aus Minnesota mit den Initialen S. H. zieht nach New York um. Ein Jahr Zeit hat sie sich gesetzt, um währenddessen einen Roman in Form einer Detektivgeschichte zu Ende zu bringen. Anschließend will sie Literatur studieren. Dass Sherlock Holmes in ihrer Detektivgeschichte dieselben Initialen wie sie selbst aufweist, ist dabei wohl kein Zufall. Denn wie Sherlock Holmes begibt S. H. sich auf Spurensuche, feilt ihr Wissen aus und entwickelt sich weiter. S. H. verbringt viel Zeit in Bibliotheken. Während ihrer Erkundungstrips durch die Stadt saugt sie Bilder, Geräusche und Gerüche wie ein Schwamm in sich auf. Sie hat sich in ein winziges Appartement eingemietet und als ihr Geld knapp wird, durchsucht sie Abfalleimer nach Essbarem. Sie lauscht durch die Wand den verstörenden Gesprächen ihrer Zimmernachbarin, die in beängstigende Machenschaften verstrickt scheint. Als S. H. der Frau einmal begegnet, sieht diese ganz anders als in ihren Vorstellungen. Die Monologe in verschiedenen Stimmhöhen und Telefongespräche der Nachbarin lassen S. H. nicht mehr los. Sie stellt vielfache Thesen über die Frau an und wird zumindest gedanklich selbst zum Sherlock Holmes. Eines Nachts kommt die Nachbarin S. H. zu Hilfe und rettet sie vor einem sexuellen Übergriff eines flüchtigen Bekannten. Sogar vierzig Jahre später, als S. H. sich diese Situation in Erinnerung ruft, ist ihre Scham und das Unbehagen über das Geschehen noch präsent in ihr verankert.

Mit ihrem umfassenden Wissen über Literatur und Philosophie hebt S. H. sich immer wieder von ihren Gesprächspartnern ab. – Vor allem gegenüber den zu dominanten, aggressiv sexistischen Männern.

Wie auch bereits in ihrem Roman die gleißende Welt, prangert Siri Hustvedt auch hier die immer noch gesellschaftlich vielfach untergeordnete Stellung von Frauen an (hier im Bereich von Literaturwissenschaft und Philosophie).

Erinnerung, Fiktion, Gegenwart – die Gedanken verweben alles miteinander und bleiben offen für neue Muster. – Mit dem Blick zurück in die Zeit, als sie eine junge Frau war, erfährt die nun reife über Sechzigjährige mehr über sich selbst, wer sie war und wie sie zu der geworden ist, die sie heute ist.

Siri Hustvedt: Damals.
Rowohlt, März 2019.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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