Shawn Vestal: Loretta

Loretta beschließt im Alter von vierzehn Jahren, dass sie mehr möchte als Bibelsprüche und Askese. Nachts fährt sie heimlich mit ihrer Freundin zu den einschlägig bekannten Treffpunkten, wo sie mit anderen Jugendlichen Alkohol trinkt, Musik hört und sich verliebt. Als sie von einem ihrer nächtlichen Ausflüge zurückkehrt, wartet ihr Vater in ihrem Zimmer auf sie. Natürlich ist der Ruf der streng gläubigen Mormonen-Familie in Gefahr und ein schnelles Handeln erforderlich.

Loretta wird die zweite Ehefrau von Dean, der bereits mit seiner ersten Frau Ruth Kinder hat. Ihr neues Leben entwickelt sich zu einem Alptraum und einer endlosen Strafe. Harte körperliche Arbeit, ein liebloses Zuhause, keine Schule, keine Ausbildung und nach ihrem sechzehnten Geburtstag regelmäßig Sex mit Dean, ihrem wesentlich älteren, dicken Ehemann. Als Deans Vater stirbt und seine Glaubensbrüder von ihm mehr Geld verlangen, steht ein Umzug in eine andere Mormonen-Gemeinde an. Dort sind Zweitehen verboten, so dass Loretta von jedem argwöhnisch beobachtet wird. Deans Neffe Jason verliebt sich trotzdem in sie. Darüber hinaus arbeitet ihr heimlicher Exfreund unter falschem Namen für Dean, der sie zur gemeinsamen Flucht zwingen will. Unaufhaltsam wird sie getrieben, bis sie handeln zu muss.

»… Hat sie sich etwa selbst ausgetrickst? Er war es bestimmt nicht, der sie ausgetrickst hat. Nicht wie Bradshaw. Der trickreiche Bradshaw. Plötzlich weiß sie, was sie sich dabei gedacht hat. Sie hat einfach die Chance genutzt, das Schlimmste zu tun, was sie hätte tun können – das Schlimmste für Dean, das Schlimmste für alle, die sie hinter sich gelassen hat.« (S. 354)

Der preisgekrönte Autor Shawn Vestal wurde 1966 in Idaho geboren. Er lebte mit seiner Familie in einer Mormonen-Gemeinde, bis er als Erwachsener eigene Wege ging, um Reportagen, Kolumnen und Erzählungen zu schreiben.

Das besondere an dem kurzweiligen Roman »Loretta« ist das Insiderwissen über Mormonen. Shawn Vestal schreibt in einer klaren Sprache aus der Perspektive verschiedener Personen, um das Leitthema »Fesseln« vielschichtig anzulegen. Denn nicht nur die schöne Loretta lebt mit unsichtbaren Fesseln. Jeder in ihrem Umfeld leidet unter aufgezwungenen Rahmenbedingungen: Ruth, Deans erste Ehefrau, muss ihrem Ehemann gehorchen, »… der voller menschlicher Schwächen steckt.« (S. 307). Seine Geldgier wiederum zwingt ihn zu einer Heimlichtuerei, die er nicht durchhalten kann. Jason will sein Leben nicht im Kuhstall seines Vaters fortführen und sucht nach einem Ausweg. Er verehrt den Stuntman Evel Knievel, der für seinen Ruhm die gefährlichsten Sprünge wagt. Und seine Fans kommen nicht nur, um ihn zu bejubeln. Sie wollen sehen, wie seine Knochen brechen oder ein Sprung tödlich endet.

Ob ein Leben im Glauben oder in geistiger Freiheit, jeder Weg scheint in ganz spezieller Weise fesselnd zu sein. Die Lektüre ist es natürlich auch.

Shawn Vestal: Loretta.
Kein & Aber, Januar 2017.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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