Sadie Jones: Jahre wie diese

London, Anfang der siebziger Jahre: Die Theaterszene der pulsierenden Stadt ist im Aufbruch. Politische Satiren, Nackte auf der Bühne, anarchische Inszenierungen. Die kreative WG um Luke, Paul und die schöne Leigh versucht hier Fuß zu fassen. Sie gründen ein eigenes Theater, hadern mit finanziellen Problemen, Selbstzweifeln, verkrusteten Rollenbildern. Von der 68er-Bewegung scheinbar befreit,  erkennen sie, dass sich familäre Prägungen nicht so einfach ablegen lassen. Als Luke die fragile Nina kennenlernt, droht die eingeschworene Gemeinschaft zu zerbrechen. Ein wundervoller Rückblick auf die elektrisierende Zeit zwischen Bob Dylan, Bukowski und Batisthemden.

Luke Kanowski ist mitten in seinen Zwanzigern und voller Tatendrang. Er beschließt die Provinz mit all ihrem Ballast – zum Beispiel der Mutter, die seit Jahren in einer Psychiatrie lebt – hinter sich zu lassen. In London trifft er auf Freigeister und Gleichgesinnte. Er zieht mit Paul und Leigh zusammen, die ein Paar und zu seiner Ersatzfamilie werden. Gemeinsam eröffnen sie ein Theater, schreiben Stücke, wagen große Träume. Bis Luke auf die depressive Schauspielerin Nina trifft. Als Schwerenöter hat er bislang alle Frauen emotional auf Distanz gehalten, doch in Nina glaubt er eine zerbrechliche Seele gefunden zu haben, die ihn in das unüberwundende Trauma seiner verlorenen Mutter zurück katapultiert. Vor Liebe wie von Sinnen, setzt Luke für Nina alles aufs Spiel.

Die Londoner Autorin Sadie Jones, die unter anderem Drehbücher für die BBC verfasste, kennt London wie ihre Westentasche und lässt eine vergangene Ära stilvoll aufleben. Gleichzeitig schafft sie es auf einer psychologisch subtilen Ebene zu arbeiten. Alle Charaktere tragen Prägungen mit sich, die sie unbewusst beeinflussen. Zerbrochene Familien, lieblose Väter, ehrgeizige Mütter, die ihre geplatzten Karriereträume auf ihre Töchter übertragen.

Die Figuren handeln menschlich, oft unklug, selbstzerstörerisch. Sie verdrängen so lange, bis sich Gefühle eruptiv entladen. Sie versuchen ihrer Vergangenheit zu entfliehen und rennen dabei geradewegs in eine identische Zukunft hinein. Sie suchen, wo sie nichts finden und übersehen, was direkt vor ihnen liegt. Der „allwissende“ Leser, der ihre Retrospektiven in die Kindheit begleitet, ist versucht, mitten in den Plot zu springen, um sie aufzurütteln. Dies führt zu einer starken emotionalen Bindung, daraus zieht das Buch seine Spannung.

Sadie Jones‘ Prosa wirkt hypnosisierend. Wie eines jener Op-Art-Muster, die den Betrachter in ihren Bann ziehen. Einmal in die Hand genommen, ist es nahezu unmöglich, sich von der Geschichte zu lösen. Eine nostalgische Hommage an London, die Siebziger und die große Bühne des Theaters.

Sadie Jones: Jahre wie diese.
Penguin Verlag, Januar 2017.
416 Seiten, Taschenbuch, 10,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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