Ray Bradbury: Das Böse kommt auf leisen Sohlen (1962)

Oktober, die Zeit, da die Nächte länger und länger werden, in denen das Wetter umschlägt, eine Zeit der Veränderung, eine Zeit in der die Grenzen zwischen dem Hier und dem Dort durchlässig werden, die Zeit des Halloween. In diesem Oktober ist aber alles anders – denn ein Zirkus kommt nach Green Town, Illinois, ein ganz besonderer Zirkus, wie die beiden dreizehn-jährigen Jungs Jim Nightshade und Will Halloway sowie Wills Vater leidvoll feststellen müssen.

Mr Dark, der den Zirkus leitet, hat für seine Besucher ein paar ganz besondere Fahrgeschäfte und Attraktionen im Gepäck. Etwa ein geheimnisvolles Karussell, das einen Menschen jünger oder auch älter machen kann, je nachdem in welche Richtung man darauf fährt, oder ein Spiegelkabinett, das Menschen geradezu in sich aufsaugt. Dann gibt es da noch ein Skelett, einen Lavaschlucker, eine Hexe, und einen Zwerg.

Mr. Dark und seine Truppe ziehen seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden durch die Welt und stehlen die Seelen der Menschen. Trauer, Angst, Unsicherheit und Zorn nähren sie, nur Freude, Liebe und Freundschaft können das Böse zerstören. Woher aber sollen diese positiven Gefühle kommen, wenn man die Tristesse und die Qual der endlichen Existenz spürt?

Wills Vater, der alternde Hausmeister der örtlichen Bibliothek, weiß ein Lied von diesen ihn quälenden Fragen zu singen. War er seinem Sohn ein guter Vater, seiner Frau ein verlässlicher, liebender Partner? Was ist das Leben wert, wenn man es nicht nutzt?

Schwerwiegende Fragen, eine tief empfundene Melancholität und depressive Verstimmungen würde ein Psychiater ihm attestieren, doch dann muss er sich, auch um die beiden Jungs zu retten mit diesen dem Bösen stellen – und wächst an der Aufgabe über sich hinaus …

1962 erstmals veröffentlicht, hat der Roman nichts, aber auch gar nichts von seiner zeitlosen Aktualität verloren. Melancholisch, tiefgründig und gleichzeitig packend beschäftigt sich Ray Bradbury mit wichtigen Fragen; – Fragen über das Leben, über den Tod, die Vergänglichkeit, aber auch über die Kraft der Liebe, Freundschaft und der des Lachens. Dabei bricht er auch eine Lanze für mehr Toleranz gegenüber Älteren, beleuchtet die ständigen Veränderungen im Leben eines Jeden, bittet aber auch darum, Vertrauen in die Jugend zu haben.

Viele Autoren – allen Voran Stephen King in ES – haben sich von Bradburys Geschichte anregen und beeinflussen lassen, wobei der Roman sprachlich merklich von seinen Nachfolgern abweicht.

Bardbury befleissigt sich eines sehr bildhaften Stils, verlangt von seinen Lesern immer mitzudenken, zu reflektieren und sich selbst einzubringen. Das ist kein schneller Roman für zwischendurch, das ist ein zeitloses Werk, das uns zum Teil tieftraurig, dann wieder hoffnungsvoll und positiv das Leben beleuchtet, das Mut machen soll, sich mit eines Jeden Schicksal zu beschäftigen.

Diesen zeitlosen, ich bin versucht zu sagen, weisen Roman hat nun Reinhard Kleist mit diversen kongenialen Illustrationen bereichert. Die Zeichnungen illustrieren den Text um eine optische Variante, beleuchten Schlüsselszenen und erschließen uns die Handlung durch eine weitere Dimension. Dass der Künstler dabei den Figuren im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht verleiht trägt zur Faszination des Buches bei.

Ray Bradbury: Das Böse kommt auf leisen Sohlen (1962).
Aladin, September 2017.
352 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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