Qiufan Chen: Die Siliziuminsel

Wir leben im Überfluss. Ein Jeder nennt einen Flachfernseher sein Eigen, PCs, Pads und Handys sind auch in jedem Haushalt aufzufinden, von ausgebrauchten Hifi-Anlagen, Röhrenfernsehern, Monitoren und Spielkonsolen gibt es auch wahrlich genügend. Wohin aber mit dem alten Teil, wenn uns die Industrie wieder einmal einredet, das gerade neu auf den Markt gebrachte Gerät müsse unbedingt in unserem Haushalt einziehen? Ab in den Müll damit, wenn wir verantwortungsbewusst mit unserer Umwelt umgehen wollen, dann auf den Recyclinghof, das war es dann aber auch.

Doch das ist noch lange nicht das Ende. Der Elektroschrott wird nämlich nicht verbrannt, sondern, wie der meiste Plastikmüll, exportiert. 8000 Tonnen unrecyceltes Plastik wurden allein von Deutschland aus bis vor kurzem nach China exportiert, genauer gesagt nach Guiyu in der Guangdong Provinz. Quifan Chen hat diese Tatsache genommen und daraus einen faszinierenden, einen erschreckenden und aufrüttelnden Roman gemacht.

Früher wurde auf der Insel, auf der die Welt ihren Wohlstandmüll ablädt Reis angebaut. Jetzt dient die Siliziuminsel als riesige Müllhalde, auf der giftige und gesundheitsgefährdende Überbleibsel der Industrienationen günstig entsorgt werden. Ausrangierte Prothesen, Gehirn-Implantate und Chips finden hier ebenso ihre letzte Ruhestätte wie verbrauchte Akkus und die anhängenden Geräte. Doch ruhig geht es auf der Insel nicht zu – Horden verarmter Menschen drehen jeden Fetzen um, suchen nach Wiederverwertbarem, nach Wertvollem. Sie leben buchstäblich im und vom Müll, wenn sie krank werden oder sterben – wen juckt es, da sind mehr als genügend Andere, die ihren Platz einnehmen können.

Drei Menschen begegnen dem Leser. Scott Brandle ist geschäftlich auf der Insel. Im Auftrag eines Recyclingunternehmens soll er Abläufe straffen, sicherer machen und auf mehr Umweltschutz drängen. Sein in den USA geborener Dolmetscher Chen Kaizong besser bekannt unter dem Namen Caesar Chen gehört zu einem der drei, die Insel unter sich aufgeteilten Clans. Sie sorgen für Ordnung, kümmern sich auf drastisch endgültige Art, um die Menschen, die im Müll wühlen.

Eine dieser verdreckten Kreaturen die Plastik suchen, zusammentragen und dafür sorgen, dass aus dem Wohlstands-Überbleibsel nach gründlichen Schreddern, Reinigung und Neuguss wieder Exportartikel werden, ist die Wanderarbeiterin Mimi. Als einer der mit brutaler Hand regierenden Clans sie entführt, kulminieren die Ereignisse …

Was ist das für ein Buch? Ein Umweltthriller? Ein gesellschaftskritischer Roman aus der nahen Zukunft? Ein phantastischer Roman, in dem sich Elemente der Science-Fiction mit schwarzer Magie paaren? Ein harter Horror-Roman, der mit seinen Folterszenen schockiert? All das umfasst der Plot, dabei gibt der Autor uns einen erschreckend real wirkenden Einblick in glaubhaft geschilderte Handlungsabläufe der internationalen Müllmafia, der Clanstrukturen seines Landes und der oftmals brutalen Schicksale der gnadenlos geknechteten und ausgenutzten Arbeiter. Der Autor lässt so manches an kulturellen Überlieferungen, an Aberglauben und Mythen in seinen Text mit einfließen. Diese Passagen verlangsamen das Lesetempo genauso wie die Einführung eines großen Kreises handlungsrelevanter Figuren.

Dies ist aber Jammern auf hohem Niveau. Der Text selbst schnappt sich den Leser, packt ihn und reißt ihn mit. Er regt an nachzudenken, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu positionieren – wahrlich nicht das Schlechteste, was man von einem Buch sagen kann.

Qiufan Chen: Die Siliziuminsel.
Heyne, September 2019.
480 Seiten, Taschenbuch, 16,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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