Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Als Philippe 1984 17 Jahre alt ist, verliebt er sich in Thomas. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Auch die Mädchen umschwärmen Thomas. Ständig suchen sie seine Nähe, und ihm scheint es zu gefallen.

Während Philippe unter dieser unmöglichen Liebe leidet, bleibt er für alle der Musterschüler, der Sohn des Rektors und der Einzelgänger mit der weiblichen Gestik. Dabei hat er sich angewöhnt, andere zu beobachten und ihnen ein Leben mit Geschichten anzudichten. Aus diesem Grund nennt ihn seine Mutter häufig einen Lügner. Um so überraschter ist Philippe, dass auch Thomas ein Lügner ist. Denn Thomas führt ein heimliches Doppelleben. Als dieser ihm eines Tages Sex anbietet, darf dies nur unter der Bedingung absoluter Verschwiegenheit geschehen.

Philippe lässt sich darauf ein, auch wenn ihr Arrangement nicht gerade perfekt ist.

Viel zu schnell neigt sich ihre Beziehung dem Ende zu. Sie haben ihr Abitur geschafft, und jeder verfolgt seine eigenen Ziele. Studium in Paris der eine, Flucht zur spanischen Familie der andere.

2007 geht die Geschichte mit Thomas weiter, als Philippe per Zufall Thomas Sohn kennenlernt und ihn erzählen lässt. Inzwischen ist Philippe ein bekannter Schriftsteller, während Thomas noch immer ein Doppelleben mit den unvermeidbaren Folgen führt.

Philippe Besson schreibt in seinem offenen und anrührenden Roman mehrmals, dass er gern über das Leben schreibe, aber nie das Eigene im Zentrum seiner Romane sehe. In seinem aktuellen Roman lässt er den gleichnamigen Ich-Erzähler einerseits zum Chronisten der achtziger Jahre werden und beschreibt gleichzeitig, wie Intoleranz einen Menschen in ein Doppelleben zwingen kann. Zwischen der Lüge und Angriffen zu wählen, ist keine leichte Wahl. So oder so wird von den Mitmenschen ein hoher Preis eingefordert, die routiniert für eine Gruppenbildung andere ausgrenzen.

Philippe Besson fokussiert in Thomas‘ Lebensgeschichte die Angst vor einer folgenreichen Offenbarung, vor Aids und dem Verlust geliebter Menschen.

Bei der jährlichen Oskar-Verleihung wird immer nach dem Gewinner gefragt. In Philippe Bessons berührender Geschichte sind andere Fragen viel wichtiger. Wer liebt und von wem man geliebt wird, zum Beispiel.

„… Das Gefühl der Liebe erfüllt mich, beglückt mich. Doch es verbrennt mich auch, tut so weh wie jede unmögliche Liebe mit all ihren Schmerzen.“ (S. 25)

Philippe Besson: Hör auf zu lügen.
C. Bertelsmann, Oktober 2018.
160 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

 

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