Peter Richter: August

In Berlin hatten sie sich kaum gekannt, das Ehepaar Mauler und der Buchautor Alec mit seiner Frau Vera, die Ärztin ist. Mittlerweile leben alle vier in New York. Richard Mauler, der reich gewordene Immobilienmakler hat seine „alten Freunde“ eingeladen, den gesamten August über gemeinsam im Mauler’schen  Bungalow in den mondänen Hamptons auf Long Island zu verbringen. Vera sieht alles von Beginn an recht skeptisch.  Ein Urlaub zwischen den Dünen, wo siebzigjährige Bienenköniginnen „south of highway“ (E-Book S. 16) neben Hedgefonds-Managern in überbordendem Reichtum leben, erscheint ihr nicht sehr reizvoll. Dennoch folgen die beiden zusammen mit ihrer kleinen Tochter der Einladung.

Auch Stefanie Mauler, die früher in Deutschland als Musikmoderatorin bekannt war, zeigt sich nicht unbedingt begeistert davon, ihren Bungalow mit den anderen zu teilen. Richard dagegen eifert mit Vergnügen der eigentlichen Upperclass nach, zu der er dann aber doch nicht ganz gehört. Zu gern suhlt er sich in seiner Rolle als gönnerhafter, reicher Gastgeber. Die Tage dümpeln anfangs träge dahin zwischen Saxofonmusik aus den Lautsprechern, dem Wasser unter ihren Luftmatratzen im Pool, dem Sprung ins nahe Meer oder der Fahrt ins Indianerreservat, wo man günstige Zigaretten kaufen kann. Die Diskussionen der Vier sind mit vielfältigen Gedankengebäuden gespickt, die auch immer wieder in die Vergangenheit driften. Während Richard mit seinem Reichtum protzt, sucht Stefanie ihre Erfüllung in Esoterik, Telepathie, ökologischen Ernährungsformen, Kundalini-Yoga und Alternativmedizin. Damit sich endlich das fehlende Gefühl der Erholung einstellen soll, wird ein Kindermädchen für die beiden Kleinen der Ehepaare angeheuert. Im Wohnviertel um sie herum   scheinen die Bewohner der luxuriösen Villen, vor denen Sportautos aller Couleur parken, jegliche Bodenhaftung zur Normalität verloren zu haben. Man besucht Empfänge, deren Gastgeber keiner richtig zu kennen scheint, erfährt dann, dass alles eine Charity-Veranstaltung ist, auf der man sich unter anderem mit den „hedgies“ (Hedgefonds-Managern) tummelt und der ganze Zauber letztlich eigentlich nur von der einsamen Ehefrau veranstaltet wird, die endlich wieder einmal Leben im Haus haben möchte. Das Dolce Vita ist mit mehr Schein als Sein verbunden und immer mehr Abgründe öffnen sich darin. In den Reflexionen der Figuren auf sich selbst sind deren eigentliche Bedürfnisse gar nicht gedeckt und das vermeintliche Paradies, das jeglicher Sinnhaftigkeit beraubt ist, entpuppt sich als trügerisches Idyll. Mit all dem Überfluss geht Überdruss einher. Zudem hat Vera sowieso schon lange genug hat vom „sommern“ mit den Freunden. Ein Guru, der in regelmäßigen Abständen auftaucht, mischt das Leben in den Hamptons gewaltig auf. Er weiß, welche Mittel er einsetzen muss, damit die Menschen auf ihn hereinfallen und manipuliert alle, die dafür empfänglich sind mit jeder Menge abstrus spirituellem Einfallsreichtum. Vor allem Stefanie, die sowieso esoterisch indoktriniert ist, zeigt sich von dem Scharlatan sehr angetan. So hat sie beispielsweise ihrem Mann Richard eine Kur mit Sekreten von Maki-Fröschen aus dem Amazonas organisiert, damit er in die Kraft komme, den Reichtum der neuen Situation umarmen zu können“ (E-Book S. 164).

Der Autor führt hier mit brillanter Verballhornung eine der Welt entrückte, kaputte Upperclass-Gesellschaft vor. Seine Figuren sind in sich und ihrem materiellen Reichtum so gefangen, dass sie einen Scharlatan anhimmeln, der ihnen quasi mit dem verloren gegangenen natürlichen Menschsein eine weitere Scheinwelt verordnet und verkauft. „In einer Welt, in der für die physischen Bedürfnisse mehr als gut genug gesorgt war, spielten die metaphysischen eine umso größere Rolle“ (E-Book S. 282)

Peter Richter scheint es diebischen Spaß zu bereiten, einer  snobistisch verkommenen, da materiell übersättigten und völlig aus den Rudern gelaufenen Gesellschaft, auf makabere Weise, die gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt ist, den Spiegel vorzuhalten und der Lächerlichkeit preiszugeben.

Aberwitzig, hintersinnig und geistreich unterhaltsam.

Peter Richter: August.
Hanser Verlag, April 2021.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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