Patrick Jacquemin: Der Duft von Gras nach dem Regen

Annabelle hat beruflich alles erreicht, was sie sich gewünscht hat. Sie ist ein Star in der Finanzwelt, hat eine Bank gegründet und muss sich um Geld keine Sorgen machen. Dafür arbeitet sie hart und dafür wird sie bewundert.

Doch privat läuft es nicht rund. Ihr Mann hat sich von ihr getrennt, sie teilen sich das Sorgerecht für ihre achtjährige Tochter Léna. Annabelle meidet – soweit es geht – Anlässe, bei denen Privates zur Sprache kommen könnte, denn dazu hat sie nur wenig zu sagen. Seit einer Weile fühlt sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Die Arbeit lenkt sie ab, kann sie aber nicht mehr befriedigen, wird sogar mehr und mehr zur Belastung.

Nach einem Essen mit Bekannten bricht sie zusammen. Wut paart sich mit Leere. Sie zweifelt am Sinn ihrer Arbeit und damit am Sinn ihres Lebens.

„Wofür ist es gut, verflixt, dass ich wie eine Kranke schufte? Dass ich von einem Termin zum nächsten hetze? Dass ich Erfolg habe? Wozu das alles?“

Sie sitzt in ihrem Auto und drischt so auf ihr Lenkrad ein, dass sich ein Passant schon Sorgen macht. Doch dann ist da diese verrückte Idee: Abhauen! Paris, die Firma, das Pflichtbewusstsein, die niederschmetternden Gefühle hinter sich lassen. Aufs Land fahren, wo sie aufgewachsen ist. Ruhe finden.

Tatsächlich fährt Annabelle los und findet in der Farbenpracht und Schönheit der Natur, was sie sich ersehnt. Überwältigt rennt sie über die Wiesen, rollt die Abhänge hinunter und vergisst völlig die Zeit. Als es dunkel wird, hat sie die Orientierung verloren. Ihr Auto ist nicht mehr auffindbar. Sie irrt herum und kommt schließlich zu einem Hof, wo sie um Hilfe bittet. Die Begegnung zwischen Annabelle und dem Besitzer, dem 70jährigen Georges Lesage, wird beider Leben nachhaltig verändern, denn sie teilen eine Gabe, die sie eng miteinander verbindet.

Schlicht, aber ergreifend und poetisch schildert Patrick Jacquemin, wie sich zwischen Annabelle und dem zurückhaltenden George eine ganz besondere Beziehung entwickelt, wie sie sich kennenlernen, missverstehen, auseinanderdriften, wieder annähern. Fast schon liebevoll richtet er den Fokus direkt auf seine Protagonisten: den zurückgezogen lebenden Bauern mit dem Haus voller Bücher, der von Technik nicht viel hält, die ausgebrannte Unternehmerin auf der Suche nach sich selbst und die Natur, die nicht nur als Kulisse dient, sondern eine eigene Rolle spielt.

Andere Figuren werden nur am Rande erwähnt. Stellenweise fand ich es schade, zum Beispiel von Léna nicht mehr zu erfahren, aber andererseits ist es vielleicht gerade das, was wir manchmal brauchen: die Konzentration auf das, was im Moment das Wichtigste ist. Und das ist in diesem Buch die Freundschaft zwischen Annabelle und Georges und ihr Verhältnis zur Natur.

Der Autor Patrick Jacquemin weiß, wovon er schreibt, denn er ist selbst „ausgestiegen“ und hat sein Leben radikal verändert. Dass ihm die Botschaft des Buches wichtig ist, habe ich gespürt. „Der Duft von Gras nach dem Regen“, einfühlsam übersetzt von Anne Braun, gibt viele Anstöße, über das Leben nachzudenken: über den Sinn, die Gestaltung, die Prioritäten, die man den Dingen einräumt, über Veränderung und Zufriedenheit. Nur selten wirken die Lebensweisheiten, die meist in die Ratschläge und Äußerungen von Georges verpackt sind, etwas aufgesetzt. Doch auch, wenn der Roman an diesen Stellen ein bisschen moralisch daherkommt, ist er insgesamt wunderschön geschrieben und äußerst lesenswert für alle, die offen sind für das Wunderbare in der Natur und für Impulse, die ihr Leben positiv beeinflussen können.

Patrick Jacquemin: Der Duft von Gras nach dem Regen.
HarperCollins, Mai 2019.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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