Nelly Kostadinova: Ein Koffer voller Wollen

Als Nelly Kostadinova 1990 aus Bulgarien nach Deutschland kam, war sie 33 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern und in ihrem Heimatland eine gestandene, preisgekrönte Journalistin. Mit wenig Geld und einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung begann sie Deutsch zu lernen und schrieb zunächst weiterhin Artikel für verschiedene Zeitungen. Bis sie eines Tages an der Uni eine Anzeige las: „Studenten aus Osteuropa als Dolmetscher für ausländische Flüchtlinge gegen geringe Bezahlung gesucht …“

Mit diesem Aushang begann ihr Leben als Dolmetscherin, Übersetzerin und nur wenige Jahre später als Firmengründerin. In der Zwischenzeit hat ihr Unternehmen Lingua-World zahlreiche Filialen im In- und Ausland. Nelly Kostadinova ist zum „Global Player“ geworden. Wie es ihr gelungen ist, ausgehend von ihrem ersten Büro im Ausstellungsraum eines Lampenladens in Köln ein dichtes Netz an Niederlassungen in Deutschland zu gründen und auch nach Johannesburg und Kigali zu expandieren, erzählt sie in diesem Buch eindrucksvoll, unterhaltsam und mit viel Schwung.

Sie berichtet von einfallsreichen Werbekampagnen beim Kölner Karneval und viralem Marketing wider Willen, von einem Dämpfer bei der IHK und Ausflügen in die Tagungsorganisation, von ihrem Büro auf Zuwachs und der Suche nach Fachkräften in Südafrika. Alles klingt authentisch, lebenslustig und energiegeladen und dass Nelly Kostadinova auch „live“ so ist, bestätigt der Journalist Wolfgang Drechsler in seinem Vorwort.

„Leidenschaft, Freiheit und Unabhängigkeit: Wenn Sie das in sich fühlen, haben Sie das Zeug zum Entrepreneur“, schreibt Nelly Kostadinova in ihrem Buch. Immer neue Ideen reifen in ihrem Kopf, die sie ohne zu zögern umsetzt, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Dass sie auch Niederlagen einstecken muss, ist klar. Wichtig ist nur – so ihre Botschaft – , dass man auch die Chancen erkennt, die darin stecken und sich selbst weiterentwickelt.

Das klingt jetzt sehr nach „Du kannst alles, wenn du es nur willst“, und daran glaube ich nicht ohne Einschränkungen. Aber dass Nelly Kostadinova mit Mut, Kundenorientierung und Lust auf Neues ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitreißt, steht für mich außer Frage. Offen berichtet sie auch von ihren Fehlern in der Mitarbeiterführung und im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Daraus zu lernen und anderen Menschen mit Wertschätzung zu begegnen, ist eine beeindruckend Eigenschaft von ihr. Das macht die Selfmade-Business-Frau, die ihr Unternehmen anfangs vor allem intuitiv geführt hat, sympathisch und menschlich.

Ich muss gestehen, dass mich der Inhalt des Buches überrascht hat. Erwartet hatte ich eher eine Art Biografie mit einem Schwerpunkt auf der beruflichen Tätigkeit und ein paar Tipps zur Unternehmensführung. Was ich bekommen habe, ist eher ein Managementratgeber mit Business-Knigge (z.B. zum Kleidungsstil und zum Umgang mit Visitenkarten), angereichert mit persönlichen Erfahrungen. Doch enttäuscht war ich darüber nicht, denn „Ein Koffer voller Wollen“ ist spannend und anregend geschrieben und macht tatsächlich Lust, über Unternehmertum nachzudenken.

Vielleicht schreibt Nelly Kostadinova ja auch mal eine Autobiografie. Dann hätte sie mit mir schon eine Leserin sicher.

Nelly Kostadinova: Ein Koffer voller Wollen.
Springer, Februar 2019.
208 Seiten, Taschenbuch, 24,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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