Mike Gayle: Nur zusammen ist man nicht allein

Im Original lautet der Titel des Romans „The Hope Family Calendar“ – der Familienkalender der Hopes spielt eine wichtige Rolle in dieser Geschichte über Verlust und Trauer, Entdecken und Glück. „Egal wie gut wir alles planen und organisieren, keiner von uns kann wirklich wissen, was die Zukunft für uns bereithält, egal ob gut oder schlecht. Und doch kaufen wir diese Kalender, füllen sie mit unseren Vorstellungen, Träumen und alltäglichen Dingen und geben die Hoffnung nicht auf, dass die Dinge so laufen werden, wie wir sie uns vorstellen.“ (Zitat S. 378)

Laura hat früher den Familienkalender geführt und alle Termine eingetragen: Schulaufführungen, Geburts- und Jahrestage, Ausflüge, Arzttermine, Verabredungen. Sie hat die Familie gemanagt, Konflikte gelöst, Kompromisse gefunden, das Haus der Hopes zu einem Zuhause gemacht. Doch Laura ist vor einem Jahr tödlich verunglückt, nichts ist mehr wie es war. Tom verschanzt sich seit dem Tod seiner Frau hinter der Arbeit. Lauras Mutter Linda ist zu den Hopes gezogen und kümmert sich um Evie, vierzehn, und Lola, acht. Linda versucht, das Familienleben zusammenzuhalten und den Mädchen die Mutter zu ersetzen. Das gelingt ihr ganz gut, aber Tom schafft es nicht, seine Trauer zu verarbeiten und wieder ein Teil der Familie zu sein. Er verpasst Elternabende, Kinobesuche, Geburtstagsfeiern und redet sich mit seinem Job heraus. Bis Linda beschließt fortzugehen, damit Tom gezwungen ist, seinen Platz als Vater einzunehmen und die Lücke zu füllen, die durch Lauras Tod entstanden ist. Schweren Herzens zieht Linda für ein halbes Jahr zu ihrer Freundin nach Australien, um Tom die Chance zu geben, selbst für seine Mädchen da zu sein.

Tom und Linda berichten abwechselnd als Ich-Erzähler. Dadurch erfasst Gayle die Perspektive des Witwers und die der verwaisten Mutter. Er zeigt, wie Trauer zuschlagen und die Trauernden völlig handlungsunfähig machen kann. Da sowohl Tom als auch Linda stark an den Mädchen hängen, werden auch deren Probleme aus kurzer Distanz dargestellt. Die Trauerarbeit dreier Generationen, Schulprobleme, die Bewältigung des Alltags, erste und späte Liebe, den Wert von Freundschaften thematisiert Gayle in gut lesbarer Form; er berührt, ohne sentimental zu werden. Er erlaubt den Figuren, auch den sympathischsten, Fehler und Schwächen zu haben, zu Notlügen zu greifen und falsche Entscheidungen zu treffen. Sie sind glaubwürdig und wecken den Wunsch zu erfahren, wie sie diese Lebenskrise meistern.

Die Familie heißt aus gutem Grund mit Nachnamen Hope: Der Kalender füllt sich nach und nach wieder mit schönen Dingen. Tom lernt seine Töchter auf eine ganz neue Weise kennen und begleitet sie beim Großwerden. Dabei macht er einiges falsch – seine Selbstkritik ist schonungslos ehrlich – und vieles richtig.

Trotz des ernsten Themas ein Buch zum Wohlfühlen, das Einblicke in die Seelen von Trauernden und in die Phasen der Trauer gibt.

Mike Gayle: Nur zusammen ist man nicht allein.
Insel Verlag, Dezember 2017.
377 Seiten, Taschenbuch, 10,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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