Mary Shelley: Der letzte Mensch (1826)

Wir schreiben das Jahr 2089. In Europa wütet eine besonders ansteckende Form der Pest. Jeder der erkrankt, ist dem Tod geweiht. Nein, ich habe mich nicht verschrieben und ich habe mir das auch nicht ausgedacht, weil es gerade so schön passt. Das war Mary Shelley, bekannt vor allem durch „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, welche im Jahre 1826 den Roman „Der letzte Mensch“, die erste Dystopie der Weltliteratur, veröffentlichte. Seit Februar 2021 liegt nun die erste vollständige deutsche Übersetzung vor.

Die Geschichte spielt gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Der letzte englische König hat sein Amt niedergelegt, England ist eine Republik. Der Ich-Erzähler Lionel Verney, Sohn eines verarmten Adligen, wächst gemeinsam mit seiner Schwester Perdita als verachteter Waisenjunge auf. Als er beim Wildern auf Adrian, den Sohn des Königs trifft, nimmt dieser ihn freundlich auf und es entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den Geschwistern, Adrian und dessen Schwester Idris. Bald kommt Lord Raymond als Fünfter im Bunde dazu. Er heiratet Perdita und auch Lionel und Idris werden ein Paar. Die jungen Leute verbringen glückliche Tage auf Schloss Windsor, sie beschäftigen sich mit Literatur und Philosophie und engagieren sich politisch, angetrieben von dem Wunsch, das Leben aller besser zu machen.

Doch bald zeigen sich dunkle Wolken am Horizont, es gibt Berichte über den Ausbruch der Pest in Asien und nur kurze Zeit später erfährt man von den ersten Pest-Opfern auf dem europäischen Kontinent und ebenso in Amerika. Man hört von entvölkerten Landstrichen und verwaisten Städten. England fühlt sich sicher, immerhin lebt man auf einer Insel. Doch schon bald hat die Krankheit auch den Ärmelkanal überwunden. Zudem erreichen Flüchtlinge aus Amerika zunächst Irland und danach England, wo sie plündernd durchs Land ziehen. Den letzten Überlebenden bleibt schließlich nur die Flucht.

Mary Shelley hat ihren Roman etwa 250 Jahre in der Zukunft angesiedelt. Doch es ist keine Science-Fiction. Sie beschreibt eine Gesellschaft, die der der damaligen Zeit in wesentlichen Teilen ähnelt. Man reist noch immer zu Fuß, zu Pferd oder per Schiff, es gibt zwar nicht näher benannte Maschinen, die für genügend Nahrung sorgen, aber am Abend werden Kerzen angezündet. Die Griechen und die Türken kämpfen gegeneinander mit Schwert und Kanonen. Technologisch hat sich nicht viel getan, gesellschaftlich ebenfalls nicht: Es gibt Armut und den Adel, es gibt Herren und Bedienstete. Frauen kümmern sich um Haus und Kinder, während die Männer mit ihrer Arbeit für den Unterhalt der Familie sorgen.

Was den Roman so aktuell macht, ist Mary Shelleys Beschreibung einer Gesellschaft in der Krise. Wirtschaft und Handel kommen zum Erliegen, unzählige Flüchtlinge müssen mit dem Nötigsten versorgt werden. Hochfliegende Pläne zur Beschneidung der Rechte des Adels müssen aufgegeben werden, um die Mittel zur Lösung der dringlichsten Probleme bereitstellen zu können. Ich hatte beim Lesen immer wieder Aha-Erlebnisse, etwa, als sie von der Verdrängung der Gefahr schreibt oder vom Handeln des regierenden Lordprotektors, der“ eine Notlösung nach der anderen versucht.“

Mary Shelley zeigt, wie Strukturen aufbrechen, wie Menschen versagen oder zu Helden werden. Sie erschafft ein Modell der Gesellschaft, welches wohl auf so ziemlich jede Epoche passt.

Mary Shelley: Der letzte Mensch (1826).
Reclam, Februar 2021.
587 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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