Martine Bijl: Königin außer Dienst

Das Leben läuft 2015 großartig für die Ich-Erzählerin. Sie fühlt sich robust wie Beton, als an einem schönen Morgen während ihrer Morgengymnastik in ihrem Kopf ein Ballon platzt.

Sie hat eine Hirnblutung.  Völlig überraschend, absolut unvorhersehbar, „zufällig“, wie ein Arzt sagt. Unendlich mühsam muss sich Martine Bijl mit 68 Jahren in ein selbstbestimmtes Leben zurückkämpfen. Das ist die Niederschrift ihrer Gefühle und Gedanken und eine Aufzeichnung der Begegnungen mit anderen Menschen in dieser so schlimmen Zeit.  Nach der Operation hat sie Wahnvorstellungen, in der Reha-Klinik fällt es ihr sehr schwer, sich mit den Gegebenheiten abzufinden.  Besonders in den Bereichen Planung, Konzentration und Gedächtnis ist ihr Gehirn geschädigt.

Als Buchautorin und im Fernsehen präsent, ist Martine Bijl im Land bekannt. Sie arbeitet hart an sich, um in ein „normales“ Leben zurückkehren zu können.

Bei einem Sturz bricht sie sich die Hüfte. Auch das will auskuriert werden, soll wieder heilen.  Sie bekommt Depressionen und muss in eine psychiatrische Klinik. Dort gesteht sie sich endlich ihren Zustand ein. Nichts wird mehr werden, wie es war. Martine schafft es zwar wieder vom Rollstuhl auf die eigenen Beine, viele andere Patienten mit Hirnblutung schaffen es nicht.

Von Martines Ängsten, Rückschlägen, Wahnvorstellungen und Fortschritten handelt dieses Buch. Mitpatienten werden vorgestellt, Pfleger, Betreuer und Ärzte skizziert. Und Martines Mann Berend dürfte wahrhaftig ein Heiliger sein, so liebevoll, selbstlos und ohne Ende geduldig geht er mit ihr um.  Das Buch drückt aufs Gemüt. Man kann es trotzdem nur schwer aus der Hand legen. Martine Bijls Sprache fesselt. Sie eröffnet eine Welt, die man als Gesunder Gott sei Dank nicht kennt.  2019 ist sie gestorben.

Martine Bijl: Königin außer Dienst.
Paul Zsolnay Verlag, Januar 2021.
144 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Karina Luger.

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