Marco Missiroli: Obszönes Verhalten an privaten Orten

Gleich die erste Szene gereicht dem Buchtitel zur Ehre: Libero Marsell ertappt seine Mutter im Nebenzimmer beim Fellatio mit Papas bestem Freund. Dieses Trauma lässt ihn nicht mehr los. Der Roman begleitet den zwölfjährigen Jungen, der 1975 mit seiner Familie von Mailand nach Paris zieht, bis ins Erwachsenenalter hinein. Durch erlesene Szenen verfolgen wir Liberos Mannwerdung, von der Entdeckung der Selbstbefriedigung zur Auslebung geheimer Fantasien. Elegant und intelligent erzählt, gelingt dem Autor eine literarische Reifeprüfung der besonderen Art.

Nach Liberos „erotischer Taufe“ steht fest: Mittels eines Orgasmus‘ will er sich künftig von allem Kummer befreien! Der Kummer hält dennoch Einzug in seinen Alltag: Er muss seine Freunde in Italien zurücklassen und leidet unter seiner „Unsichtbarkeit“: Mädchen sehen in ihm nur einen platonischen Kumpel. Seine Mutter emanzipiert sich („Der Uterus ist der Beginn der Moderne“), an ihrer Affäre mit dem langjährigen Familienfreund Emmanuel droht die Ehe der Eltern zu scheitern. Einziger Lichtblick ist Emmanuels dreißigjährige Freundin Marie, Gegenstand von Liberos Begehren.

Das Besondere: Marie wird in den folgenden Jahren zum erotischen Mentor von Libero. Nicht auf körperlicher, sondern auf emotional-geistiger Ebene. So gelingt es Libero, einen weiblichen Blick auf Beziehungen zu erhalten. Obwohl auch Marie eine Getriebene der eigenen Lust ist, was ihr die Chance auf dauerhaftes Glück versagt. Weitere Besonderheit: Marie arbeitet als Bibliothekarin und legt Libero bestimmte Bücher ans Herz, um ihm seine Gefühlswelt verständlicher zu machen. Hemingway, Camus, Malamud und Buzzati werden zu Autoren, die Libero durch unterschiedliche Phasen seines Lebens begleiten. Sie prägen sein Bild über Politik, Frauen und das Leben.

Neben dem weiblich-literarischen Aspekt ist es vor allem die Sprache, die das Buch auf ein gehobenes Niveau hebt. Dem Autor genügt es nicht, beim Fleischlichen zu verweilen. Marco Missiroli weiß Sinnlichkeit in eleganten Satzgebilden darzustellen. Dem Geschriebenen haftet etwas Tiefgründiges, Philosophisches an: „Eros ist die Kunst, sich realistische Situationen mit der Möglichkeit des Scheiterns vorzustellen.“. Libero diskutiert über die Alchemie der Lust und das Suchen von Zugehörigkeitswelten. Er wird übermannt von der Heftigkeit der ersten Liebe und vom anschließenden Schmerz, wenn er wieder „brutal auf sich selbst zurückfällt“. Wissend rekapituliert er seine Studentenjahre, in denen er „Körper sammelt, um Herzen zu bekommen.“

Am Ende scheint sogar die Auflösung seines Kindheitstraumas in Sicht – indem er der Ironie zum Trotz einen ähnlichen Weg wie seine Mutter einschlägt.

Der in Mailand lebende Autor brennt für die Literatur und die Liebe. Beides miteinander zu verknüpfen, erweist sich als kluger Schachzug. Sein Ergebnis liest sich ebenso anregend wie inspirierend. Zurecht gebührt ihm ein Titel als kleines, erotisches Meisterwerk. Amor wird als Teil des Großen und Ganzen gesehen, streift gesellschaftliche Bereiche, bleibt menschlich, wird zudem intellektuell hinterfragt. In Italien ist Missiroli längst ein gefeierter Schriftsteller, dessen bisherige Publikationen mit etlichen Preisen bedacht wurden. Bleibt zu hoffen, dass wir auch hierzulande mehr von seinen wundervoll formulierten Zeilen zwischen die Finger bekommen.

Marco Missiroli: Obszönes Verhalten an privaten Orten.
Tropen, August 2017.
299 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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