Liza Cody: Lady Bag

lizaLiebe soll bekanntlich blind machen. Als Angela sich noch Angela nannte und bei einer Londoner Bank Karriere machte, liebte sie einen jüngeren Mann. Aus Liebe zu ihm wurde sie eine Betrügerin und ging für einige Jahre ins Gefängnis.
Nach der Haft ist von ihrem alten Leben nichts mehr übrig. Die Mutter tot und anonym beerdigt, ihr Haus verkauft, kein Job und keine andere Perspektive als die Obdachlosigkeit. Die von ihrem Liebhaber geschworene ewige Liebe ist zu diesem Zeitpunkt auch schon eine Weile Geschichte. Zusammen mit der Hündin Elektra lebt sie als „Lady Bag“ auf der Straße, bettelt und trinkt Rotwein gegen den in ihrem Inneren brodelnden Zorn. Sie verändert sich innerhalb weniger Jahre bis zur Unkenntlichkeit. Nüchtern stellt sie fest: „… So wie ich sieht eine Frau aus, die kein Badezimmer, keinen Stolz, keine Privatsphäre und vor allem kein Geld hat. … Eine richtige Frau zu sein ist ein kostspieliges Geschäft.“ (S. 137)
Eines Tages läuft die alte Liebe über ihren Weg. Die Frau an seiner Seite wirkt so glücklich, wie sie einst war. Wo die Neue wohnt, findet Lady Bag recht schnell heraus. Am nächsten Tag steht sie vor ihrem Haus Schmiere, als zwei Obdachlose mit Taschen rausstürmen, sie krankenhausreif prügeln und verschwinden. Blutüberströmt kriecht sie ins Haus, trinkt Alkohol gegen die Schmerzen, badet und wird dabei bewusstlos. Als die Polizei kommt, wird sie zunächst für die Hausbesitzerin gehalten. Doch dann klärt sich der Irrtum, und die Polizei will sie für Mord, Diebstahl und Einbruch haftbar machen.
Die preisgekrönte Krimiautorin Liza Cody hat in ihrem aktuellen Krimi aus der ungewöhnlichen Perspektive einer alkoholkranken Obdachlosen geschrieben. Die Ich-Erzählerin flucht, sieht überall Satan, der sie ruft und Verderben bringt. Je nach Alkoholpegel verändert sich ihre Sprache und Wahrnehmung, so dass nicht nur sie sondern auch der Leser mitunter im Nebel tappen. Es kommt auch immer wieder die nackte Realität zur Sprache, wenn ihr blinder Alkoholkonsum vorgeworfen wird. „… Aber so leben wir nun mal.“ Das war die Wahrheit. Wir Leben von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Wenn wir Geld haben, essen und trinken wir. Wir horten kein Geld für schlechte Tage, weil alle Tage schlecht sind.“(S. 149) Lady Bags Ermittlungen in eigener Sache lesen sich teilweise sehr vergnüglich und immer kurzweilig. Sehr bereichernd und mit viel Dynamik bettet die Autorin auch weitere Persönlichkeiten, wie zum Beispiel einen Transvestiten in ihre Handlung. Fazit: ein gut recherchierter Pageturner über ein Milieu, das man täglich sieht, ohne es tatsächlich zu sehen.

Liza Cody: Lady Bag.
Argument Hamburg, August 2014.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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