Lauren A. Forry: Abigale Hall

Nachkriegsdrama, Horrorstory, Psychothriller – „Abigale Hale“ ist hochgradig spannend!  Lauren A. Forry hat in ihrem Debütroman den richtigen Ton getroffen, wofür sie mit dem Faber und Faber Creative Writing Prize ausgezeichnet wurde. Dieser Roman packt das Grauen auf mehreren Ebenen – auf der übernatürlichen, realen und psychologischen.

1947: In Londons Straßen herrscht der alltägliche Nachkriegshorror. Zwischen zerbombten Ruinen und langen Warteschlange vor Ausgabe der Lebensmittelrationen, tummeln sich Menschen, denen ihre persönlichen Kriegstraumata ins Gesicht geschrieben stehen: Kriegsversehrte, Witwen und Waisen. Zu letzteren gehören auch die 17-jährige Eliza und ihre fünf Jahre jüngere Schwester Rebecca. Sie haben ihre Eltern verloren und leben seitdem bei ihrer Tante Bess. Diese hat die beiden zwar pflichtschuldig aufgenommen, hegt aber kaum Sympathien für die ihr anvertrauten Nichten. Nach dem Diebstahl einer Kleidermarke werden die Schwestern von ihr in einer sprichwörtlichen Nacht-und-Nebel-Aktion nach Wales geschickt. Dort sollen sie in dem abgelegenen, verfallenen Herrenhaus „Thornecroft“ als Dienstmädchen arbeiten.

Für Eliza wird die Situation unerträglich. Zum einen musste sie ihre große Liebe Peter zurücklassen, von dem sie sich nicht einmal verabschieden konnte. Zum anderen ist der Empfang durch die Haushälterin Mrs. Pollard alles andere als warmherzig. Fortan stehen die Schwestern unter ihrem strengen Regiment. Leere Bibliotheken, der mysteriöse Prachtsaal „Abigale Hall“, trügerische Lichter und Geräusche schaffen eine beklemmende Atmosphäre. Ebenso die alten Porträts von Victoria, der einst spurlos verschwundenen Verlobten des mittlerweile bettlägerigen Hausherrn. Eliza stellt Nachforschungen an und plant die Flucht. Zu allem Überfluss scheint sich der mentale Zustand ihrer ohnehin labilen Schwester an dem unheimlichen Ort dramatisch zu verschlechtern. Zeitgleich sucht Peter in London nach seiner Freundin und kommt einem Komplott auf die Spur. Denn es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Eliza auf dem scheinbar verfluchten Landgut gelandet ist.

Der Roman beginnt als fesselndes Stück Zeitgeschichte. Sehr schön veranschaulicht die Autorin die psychologischen Folgeschäden von Kriegserlebnissen. Ob Zähl-Tick, Milbenphobie oder Bettnässen, die Schwestern verarbeiten die Vergangenheit auf unterschiedliche Weise. Hier sind der Autorin eindrückliche Szenen gelungen, die ebenso unter die Haut gehen, wie die schaurigen Vorkommnisse rund um Abigale Hall. Bücher mit durchgestrichenen Zeilen und blutigen Fingerabdrücken oder Puppen mit ausgekratzten Augen lassen nichts Gutes hoffen. Am Ende gerät der Roman zu einem Psychothriller, der durchaus Motive aus modernen Serienkiller-Stories aufgreift.

Weiteres Plus: Lauren A. Foy schont ihre „Helden“ nicht. Auf jeder Person lastet ein Geheimnis, alle haben Brüche. Die zwölfjährige Rebecca, zunächst noch fragil dargestellt, enthüllt bald boshafte und psychotische Züge. Auch Eliza hat sich etwas zu Schulden kommen lassen und muss hierfür die Konsequenzen tragen. Es geht um unsichtbare Bande, die über den Tod und die Grenzen des Verstandes hinaus die Handelnden beeinflussen.

Fazit: Ein schauerlich-schöner Roman mit Spannung und Tiefgang.

Lauren A. Forry: Abigale Hall.
Goldmann, August 2017.
512 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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