Laura Purcell: Die stillen Gefährten: Eine viktorianische Geistergeschichte

Elise war voll des Glücks, hatte sie doch einen nicht nur reichen, sondern auch umschwärmten Junggesellen geehelicht. Nicht zuletzt verdankt ihr Bruder dem Adeligen, dass seine Fabrik vor dem Ruin bewahrt wurde. Zu ihrem Glück, der Londoner High Society anzugehören und die Ballsaison am Arm ihren Bräutigams zu besuchen, gesellt sich bald die freudige Nachricht, dass sie schwanger ist. Dann aber verstirbt ihr Mann unerwartet – die gute Sitte verlangt es, dass Elise sich zur Trauer die nächsten Jahre auf das abgelegene Familienanwesen zurückzieht. Schon die Fahrt in die Provinz, nur begleitet von der Cousine ihres verstorben Gatten, erweist sich als herausfordernd. Die Straßen sind bessere Feldwege, die Kutsche bleibt im Schlamm stecken, zu allem Übel fällt die Witwe hin und verunstaltet sich und ihre Robe. So kann, so will sie sich ihren neuen Untergebenen natürlich nicht präsentieren.

Als sie das heruntergekommene Anwesen, The Bridge, erstmals erblickt, ahnt sie, dass sie hier nicht glücklich wird. Statt im London des Jahres 1866 rauschende Bälle zu besuchen und das Zentrum der Society zu sein, nun also triste Provinz. Dazu kommt, dass haltlose Gerüchte die Runde machen, dass sie vielleicht gar am Ableben ihre Mannes nicht ganz unschuldig sein könnte. Kein Wunder, dass sie nicht einschlafen kann, und zusammen mit ihrer Zofe den merkwürdigen Geräuschen im Haus nachspürt. Sie stoßen auf eine verschlossene Tür, hinter der ein Geheimnis ihrer harrt. Eine Holzfigur, eine stille Gefährtin sowie Tagebücher der ehemaligen Hausherrin offenbaren eine wahrlich grausame Familientragödie – deren Auswirkungen sie zu spüren bekommen …

Der Festa Verlag ist bekannt dafür, im deutschsprachigen Raum den Extrem-Horror lanciert und zu einem wirtschaftlichen Erfolg gemacht zu haben. Daneben erscheinen in dem inhabergeführten Verlag signierte und limitierte Sammlerausgaben der unheimlichen Phantastik in all ihren Schattierungen, Action- und Thriller/Horror-Reihen. In Leipzig wurde so Buchgeschichte geschrieben, publiziert der ambitionierte Verlag doch, übers Jahr gesehen, fast mehr Genre-Titel, als viele der großen Publikumsverlage. Immer wieder bemüht sich dabei der Herausgeber, Frank Festa seinen Lesern und den vielen Sammlern, die mittlerweile die Festa Titel suchen, etwas Besonderes anzubieten. Sei es die Lovecraft Werkausgabe im illustrierten Schuber, Autoreneditionen oder signierte Sonderbände die der Bibliophilen Herz erfreuen. Vorliegendes Buch aber ist selbst für den Verlag etwas Besonderes. Um die victorianische Geistergeschichte hervorzuheben, hat der Verlag dem Band nicht nur die gewohnte Lederoptik, Fadenheftung und das Lesebändchen spendiert, sondern vorliegend auch noch einem Rundum-Goldschnitt anbringen lassen! Dass diese handwerklich anspruchsvolle Tätigkeit heutzutage gar nicht mehr so einfach in Auftrag zu geben ist erwies sich, als die ersten Exemplare angeliefert wurden und der Verlag mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Die Verzögerung in der darauf beruhenden Neuproduktion und damit der Auslieferung hat sich gelohnt – das Buch ist ein wahres Prachtstück geworden.

Inhaltlich wartet eine Geschichte auf uns, die durch die wunderbar gezeichneten – wenigen – Figuren besticht. Die Autorin nimmt sich den Raum, uns ihre Gestalten vorzustellen, diese vielschichtig zu zeichnen und mit Leben zu füllen. Das führt dazu, dass sich der Plot zunächst nur langsam bewegt, dass wir ein wenig Geduld aufbringen müssen, bis die gezielt eingesetzten, wenigen übernatürlichen Szenen zum Tragen kommen. Zum Finale hin nimmt das Tempo dann deutlich zu und wird der Rezipient immer mehr in die Handlung gezogen.

Fazit: Ein klassischer Schauerroman in handwerklich herausragender Ausstattung, der inhaltlich wie stilistisch auch mit seinem unheimlichen Setting zu überzeugen weiß.

Laura Purcell: Die stillen Gefährten: Eine viktorianische Geistergeschichte.
Festa, Februar 2021.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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