Kristina Ohlsson: Schwesterherz/Bruderlüge

Da sind sich die Leser nicht einig. Hat die schwedische Autorin mit ihrer Mini-Serie „Schwesterherz“ und „Bruderlüge“ einen geschickten Schachzug getan, um eine Geschichte in zwei Veröffentlichungen zu verkaufen? Oder macht es wirklich Sinn, den Plott in zwei aufeinander aufbauenden Teilen zu präsentieren? Die Leserschaft ist sich nicht einig. Einmütigkeit herrscht jedoch bezüglich der zu lesenden Reihenfolge: zuerst „Schwesterherz“ und anschließend „Bruderlüge“.

Daran habe ich mich gehalten und die beiden Bände unmittelbar hintereinander gelesen. Es liegen also über 900 Seiten Schwedenkrimi hinter mir, die sich um den Protagonisten Martin Benner ranken. Martin Benner ist Anwalt und gerät in eine Geschichte hinein, die es aus juristischer Sicht gar nicht geben dürfte. Er soll eine Verurteilte und inzwischen verstorbene Massenmörderin rehabilitieren! War Sara Texas zu Unrecht verurteilt? Eine Frage, die Martin Benner in ihren Bann zieht.

Kristina Ohlsson gelingt es, eine zunächst spannende Geschichte zu entfalten, die den Leser in eine Welt von Gewalt, Drogen und Terror führt. Es ist klar, dass es hier gewaltvoll und rücksichtslos zugeht. Eine Welt, die die Autorin zu kennen scheint und darum von ihr realistisch und erschreckend schlüssig beschrieben wird. Geholfen haben ihr ihre Fachkenntnisse, die sie sich als Terrorismusexpertin bei der schwedischen Polizei und bei der OSZE in Wien erworben hat. Die 1979 geborene Autorin bringt mit dem Anwalt Martin Benner einen neuen Ermittler in die schwedische Krimiszene, der von Anfang an sein Leben, und das seiner Adoptivtochter Belle in Gefahr bringt. Worum geht es?

Martin Benner ist ein erfolgreicher Anwalt, der kompromisslos seinen Willen umsetzt. Von seiner Frau offiziell getrennt, lebt er mit Lucy eine Beziehung, die davon lebt, dass es mit ihr nicht zusammen leben will und ohne sie nicht leben kann. Als seine Schwester und deren Mann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, adoptierte er seine vierjährige Nichte Belle, die sein Leben zunehmend bestimmte. Martin Belles Leben gleicht einem emotionalen Drahtseilakt, das von seinem Anspruch „alles richtig machen zu wollen“ getrieben ist. Dabei stellt der Moment der Auftragsannahme eine Lebenswende für ihn dar, die ihn in immer tiefere Abgründe führt. Als er im Zuge seiner Recherche selbst unter Mordverdacht gerät, bleibt ihm nur eine Chance. Er muss das Geheimnis um Sarah Texas lüften.

Als Leser beider Krimiteile beziehen sich nachfolgende Anmerkungen auf beide Plots. Kristina Ohlsson kreiert mit Martin Benner eine interessante Persönlichkeit, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Methodisch geschickt genutzt finde ich die einem jeden Teil vorgeschalteten Interviews, die Martin Benner mit einem Journalisten, bzw. einer Journalistin führt. Diese kurzen Gespräche halten den Spannungsbogen aufrecht und kündigen weiteres Unheil an. Die Autorin bedient sich einer flüssigen Sprache, die es dem Leser leicht macht, dem Fortgang zu folgen.

Um die Spannung am Ende von „Schwesterherz“ aufrecht zu erhalten, werden natürlich nicht alle Fragen des Lesers beantwortet. Es bleibt Spekulation, ob es sich um eine plumpe Verlängerung des Plots in Form eines zweiten Bandes handelt. Ich möchte mich nicht weiter hieran beteiligen, da es in „Bruderlüge“ durchaus neue Aspekte in Martin Benners Ermittlungen zu entdecken gab. Der zweite Band macht also Sinn und der Cliffhanger am Ende des ersten Teils ist dramaturgisch gewollt und gelungen.

Es kommt häufig vor, dass in einem Plot Vergangenheit und Gegenwart als zwei Handlungsstränge miteinander verbunden werden. Kristina Ohlsson tut dies auch. Martin Benner übernimmt einen Auftrag, der ihn in die Vergangenheit führt – und dies an zwei Orten: Stockholm und Texas. Die Autorin bringt in ihrer Geschichte Einiges zusammen: Zwei Orte, interessante Charaktere mit ihren Macken und Kannten, Stärken und Schwächen. Dies gilt für die Guten und die Bösen. Gerade die Gegensätze machen den Stoff anziehend. Im Folgenden möchte ich den gerade erschienenen zweiten Teil „Bruderlüge“ in Augenschein nehmen. Um jedoch den Lesern des ersten Teils nicht zuviel vorwegzunehmen, belasse ich es bei Andeutungen. Andeutungen sind übrigens ein Stilmittel, mit denen die Autorin gerne arbeitet.

Nachdem sich am Ende von „Schwesterherz“ ein wichtiger Teil Martin Benners Lebens zum Positiven gewendet hat, lässt die dunkle Seite nicht lange auf sich warten. Das muss man der Autorin lassen. Spannung kann sie!

So gestatte ich mir noch einen kurzen Nachtrag unmittelbar nach Beendigung der Lektüre von beider Bände. Ich spüre jetzt: Fast 1000 Seiten Schwedenkrimi – das waren mir dann doch etliche zuviel. Klar, der erste Teil der Miniserie von Kristina Ohlson ist Voraussetzung, um in den Stoff des zweiten Teils überhaupt hineinzukommen. Darum hat die Autorin mehrere ausführliche Rückbezüge zum ersten Band hergestellt. Diese waren auch nötig. Um den Lesenden, die sich wirklich ohne Band 1 gelesen zu haben an die Lektüre von „Bruderlüge“ heran gewagt haben eine Chance des Verstehens zu geben. Mich jedoch haben sie gelangweilt.

Auch von der Weiterentwicklung des Plots habe ich mir mehr versprochen. Der coole Martin Benner entwickelt sich zum gefühlsbetonten Biedermann, mit dem auch Lucy zunehmend Schwierigkeiten bekommt.

So komme ich im Laufe der Lektüre langsam aber bestimmt zum Ergebnis, dass zwei Bände für die Entwicklung der zweifellos spannenden Geschichte nicht nötig gewesen wären. Ich hätte mir einen an manchen Stellen gestrafften Plott in einem Band gewünscht. Eine Miniserie scheint mir so nicht lohnend. Wenn es mit Martin Benner weiter gehen sollte, mag ich mein Fazit überdenken. Zunächst aber habe ich das Gefühl, dass Geld nicht stinkt.

Kristina Ohlsson: Schwesterherz/Bruderlüge.
Limes, Juni 2017.
448 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martin Simon.

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