Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Was für eine Geschichte: Boris, ein junger Russe aus gutem Hause flieht nach Amerika. Er will frei sein und unbedingt unterrichten. Denn seine Vorstellung, dass auch Arme gebildet sein dürfen, wird in seinem Land nicht geduldet und bei Missachtung sogar mit Haft und Tod bestraft. Kaum in New York angekommen, beginnt seine grandiose Karriere. Boris heiratet, wird Vater und ein berühmter Wissenschaftler. Am Beispiel seines Sohnes Billy zeigt er, wie seine spezielle Erziehung, die Sidis-Methode, aus jedem Kind ein Genie machen kann. Und wie großspurig angekündigt, entwickelt sich sein Sohn unter den Argusaugen der Lehrer und Presse zu einem Genie. Billy lernt gern und unvorstellbar viel, so dass er innerhalb weniger Jahre alle Klassen überspringt, die Highschool beendet, um schließlich im Alter von elf Jahren der jüngste Student in der Eliteuniversität Harvard zu werden.

Wer genial ist, der denkt weiter als jeder andere. Billy beschließt mit vierzehn, sich nicht mehr instrumentalisieren zu lassen. Er strebt ein Maximum an Freiheit und Unabhängigkeit an. Natürlich stößt er auf Widerstände und macht sich Feinde.

Klaus Cäsar Zehrer hat nicht nur ein grandioses Debüt hingelegt, er schreibt souverän über die großen Themen des Lebens. Oberflächlich betrachtet, erzählt er zwei spannende Lebensgeschichten mit viel Hintergrundwissen. Nachdem im ersten Teil des Romans das Leben des Vaters beschrieben wird, geht es im zweiten und dritten Teil um das Leben des Wunderkindes William James Sidis (geb. 1.4.1898, gestorben 17.7.1944). Der Autor zeigt auf sehr unterhaltsame Weise, wie gering die gesellschaftliche Akzeptanz ist, wenn nicht nach den üblichen Wertvorstellungen gelebt wird. Während die Doktrin ‚Wissen ist Macht‘ das Fundament der Wirtschaft und Bildungswissenschaft ist, sieht Billy ähnlich wie früher sein Vater das Thema ganz anders. Bildung müsse umsonst und für jeden zugänglich sein. Seine Freiheit will er um keinen Preis und erst recht nicht für Titel, Ruhm und Geld opfern.

Schon sein Vater musste als junger Mann erkennen, dass es ohne Geld kein Überleben gibt. Wer den Dollar braucht, geht Kompromisse ein. Doch Billy ist nicht bereit, jeden Kompromiss zu akzeptieren. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Geschichte von William James Sidis besonders spannend. Das ständige Kräftemessen mit den Vertretern einer leistungsorientierten Gesellschaft sorgt für unendlich viel Konfliktpotential. Denn Billy lehnt Gewalt in jeder Form ab und arbeitet weder für Kriege noch für kriegsrelevante Forschungsprojekte.

Klaus Cäsar Zehrer gelingt das Kunststück, den Leser ständig mit logischen Konsequenzen zu überraschen, denen man sich kaum entziehen kann. Sowohl Vater als auch Sohn werden skurril und sympathisch gezeichnet. Geniale Menschen leben anders. Ihre Prioritäten werden gern als lebensfremd bezeichnet, erst recht wenn sie gesellschaftliche Konventionen ignorieren.

Letztendlich darf der Leser einem gigantischen Experiment beiwohnen, bei dem Klugheit und Intelligenz wie winzige Inseln in einem tosenden Meer aus Dummheit und Ignoranz herausragen. Welle um Welle steigt das Wasser, und man wünscht sich von ganzem Herzen, dass nicht schon wieder die Dummen siegen.

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie.
rororo, August 2017.
656 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

 

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