Kevin Hearne: Das Spiel des Barden

Eilet herbei, ihr all, eilet nach Pelemyn, Brynläns Hauptstadt. Hier und nur hier wird Geschichte geschrieben, werden Vorkommnisse aufgedeckt und Geheimnisse gelüftet – der Barde Fintan ist zu Gast und erzählt von einer Mär, die uns alle, Männer und Frauen von Teldwen angeht.

Eines jeden Abends erklimmt der Barde die Bühne und nutzt sein Kenning um buchstäblich in die Haut desjenigen zu schlüpfen, von dem er erzählt. Und seine Saga hat alles, was man sich erhoffen, ja mehr noch, was man von einer solchen befürchten mag. Dramatik, Gefahren, Helden und Opfer, Geheimnisse und die Offenbarung eines neue Kennings – so mancher mag auch glauben, dass uns Fintan gar von einem siebten Kenning berichten mag. Doch nun, Bühne frei für den gefeierten Barden und seine Saga .

Kevin Hearne ist dem Leser als Verfasser der Saga um den Eisernen Druiden (dt. bei Klett-Cotta) ein Begriff. In dieser Urban Fantasy um alt-ehrwürdige Götter und Druiden hat er sich eine treue Gefolgschaft von Lesers erschrieben, die den Abenteuern um Atticus gebannt folgt.

Nachdem er diese Reihe im Original erfolgreich zum Abschluss gebracht hat, wandt er sich einem neuen Projekt zu. Es sollte eine High Fantasy Geschichte werden, die Hearne aber ganz bewusst anders als gewohnt erzählen wollte.

Der große Homer stand Pate, als er seinen Barden jeden Abend in eine andere Rolle schlüpfen lässt, und so, nach und nach, fast geruhsam zu nennen, seine Geschichte vor seinen Zuschauern und Lesers ablaufen lässt.

Die Welt Teldwen wird uns so sukzessive quasi aus der Innensicht der Bewohner vorgestellt. Wir lernen die sechs Länder kennen, und damit auch die unterschiedlichen Gaben ihrer Bewohner. Die so genannten Kennings befähigen diese, Elemente zu beeinflussen und zu beherrschen. Die Einen können das Wasser leiten, können mit aber auch in dem feuchten Nass leben und dieses lenken, ein anderes Volk beherrscht die Luft, wieder ein anderes die Natur, die Erde oder das Feuer. In einer ultimativen Prüfung treten die jungen Menschen jeweils an, um ihr Kenning zu aktivieren – nur etwa ein Drittel aller Prüflinge überlebt diesen Test. Wie ein jeder Auserwählte seine Gabe einsetzt, ob zum Guten oder zur persönlichen Machtentfaltung, das liegt bei einem selbst.

Als Grundgerüst der Saga dient die Invasion des Kontinent durch die Riesen. Ein Vulkanausbruch zwingt die das Feuer beherrschenden Riesen, ihre Heimat zu verlassen. Als geborene Kämpfer bitten sie nicht um Aufnahme, sondern nehmen sich ihren neuen Siedlungsraum, ohne dass die bisherigen Bewohner hier allzu viel dagegen machen können. Gleichzeitig droht eine weitere Invasion von großgewachsenen Wesen, die von der Küste kommend, ins Landesinnere ziehen. Dass ein junger Jäger während er von wilden Raubkatzen bedroht und gejagt wird ein neues Kenning entdeckt, entspannt die Lage auch nicht unbedingt, zumal ein bei einem der Giganten gefundenen heiliges Buch gar von einem siebten Kenning berichtet – ob dies mehr als eine Mär ist, bleibt abzuwarten.

So nimmt vor den Augen der Leser und den Ohren der Zuhörer ein sehr komplexes, aber auch sehr interessantes Bild eines Kontinents und dessen Bewohner Gestalt an. Gerade der Trick, den Erzähler buchstäblich in die Haut der Erzählenden schlüpfen zu lassen birgt in seinen Perspektivwechseln dafür, uns die jeweilige Sicht- und Lebensweise der beschriebenen Völker nahe zu bringen, und deren Überzeugungen und Erlebnisse begreifbar und nachvollziehbar zu machen. Hat man sich auf die zunächst ungewöhnliche Art der Erzählung gewöhnt, bekommt man so ein sehr differenziert ausgestaltetes Bild einer etwas anderen Fantasy-Welt mit Magie, die sich nicht über Zauberstäbe und spitze Hüte definiert, einer Invasion, deren Motive noch weitgehend im Dunkeln bleiben und Menschen, die uns dieses Puzzle quasi von innen präsentieren.

Kevin Hearne: Das Spiel des Barden.
Knaur, April 2019.
816  Seiten, Taschenbuch, 16,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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