Katrine Engberg: Kopenhagen-Serie 01: Krokodilwächter

Ein sehr spannender Thriller aus Skandinavien: Julie ist jung, hübsch und gerade erst vom Land nach Kopenhagen gezogen, um dort Literatur zu studieren. Doch ihre Pläne kann sie niemals verwirklichen. Sie wird ermordet aufgefunden. Pikantes Detail: Der Täter hat ihr mit einem Messer ein merkwürdiges Muster ins Gesicht geritzt, teilweise als sie noch bei Bewusstsein war. Ein Zeichen? Ein irres Kunstwerk? Kommissar Jeppe Korner und seine Kollegin Anette Werner haben bald alle Hände voll zu tun. Es stellt sich heraus, dass die engelsgleiche Julie längst kein Unschuldslamm war. Vor ihrem Tod hat sie mit einem mysteriösen, älteren Fremden angebandelt. Dann präsentiert Julies Vermieterin Esther de Laurenti das Manuskript zu ihrem ersten Roman, in dem der Mord exakt so beschrieben wird. Wer hatte Zugang zu der Druckschrift? Die Liste der Verdächtigen wird immer länger, ein zweiter Mord passiert. Es stellt sich die Frage, ob die Tat nicht nur Mittel zum Zweck war, um eine ganz andere Person zu treffen.

Das Besondere: Neben der eigentlichen Handlung werden immer wieder Auszüge aus dem Manuskript von Esther de Laurenti eingeblendet. Dies führt uns Leser ganz nah an das Opfer und den Mord heran. Doch können wir uns nie sicher sein – ist das Geschilderte tatsächlich passiert oder nur der Fiktion von Esther entsprungen? Fantasie ist ein großes Schlagwort in Katrine Engbergs Roman. Die Autorin, die selbst in verschiedenen Kunstgattungen wie Tanz, Choreografie und Regie zuhause ist, lässt die Grenzen verschwimmen. Was ist Realität, was ist Wunschdenken, was wird von außen indoktriniert? Fantasie kann auch als Machtmittel missbraucht werden. Die Errichtung von Scheinwelten, das Abgleiten in eine Art Utopia schafft in dem Roman diverse Co-Abhängigkeiten. Da ist der arrogante, selbstsichere Künstler, der andere einzuschüchtern und zu blenden weiß, da ist die alternde Professorin, die sich ihr Alkoholproblem schönredet, da ist die junge Verliebte, die sich für ihren Lover originelle Zeichen tätowieren lässt und dabei die realen Warnsignale übersieht.

Die stärksten Co-Abhängigkeiten sind oft im familiären Bereich zu finden. Genau hier liegt ein Geheimnis verborgen, dass Julie und Esther miteinander teilen. Daher rührt auch der Buchtitel. Ein Krokodilwächter ist ein Vogel, der sich von den Essensresten zwischen den Zähnen eines Krokodils ernährt. Seine Existenz beruht auf der Kooperation mit dem Killer-Reptil.

Weiteres Plus der Kriminalgeschichte: Das Ermittlerduo Jeppe und Anette kommt unverkrampft und unkonventionell daher. Sie agieren oft in verschiedenen Rollen. Anette ist die härtere der beiden, Jeppe der eher zurückhaltende. Während Anette in einer glücklichen Ehe lebt, rappelt sich Jeppe nach einem Nervenzusammenbruch gerade erst wieder auf die Beine. Seine Frau hat ihn verlassen, weil er zeugungsunfähig ist. Dies kratzt an Männlichkeit und Libido. Es fällt leicht, mit beiden Charakteren zu sympathisieren, jede Figur hat ihre eigenen Stärken.

Ein düsterer Thriller mit einem skandinavischen Background – da kann kaum etwas schiefgehen. Doch die gebürtige Kopenhagenerin beschreitet andere Wege, indem sie den Plot nicht in nordischen Winter, sondern mitten im August spielen lässt. Das sommerliche Setting kontrastiert umso mehr mit der Einsamkeit und Verzweiflung mancher Akteure.

Der vielseitigen Autorin, die schon als Schauspielerin in der Jussi Adler Olsen-Verfilmung „Erbarmen“ vor der Kamera stand, ist ein vielversprechendes literarisches Debüt geglückt. So vermischt sie in „Krokodilwächter“ gekonnt Kreativgenre wie Belletristik, Kunst, Theater, Musik mit dem realen Wahnsinn aus Liebe, Neid, Sehnsucht, Schuld und Hass. In Dänemark belegte ihr Thriller wochenlang die Nummer 1 der Bestsellerlisten, was Katrine Engberg hoffentlich zum Anlass nimmt, dem Schreiben länger treu zu bleiben und spannende Fortsetzungen nachzulegen.

Katrine Engberg: Kopenhagen-Serie 01: Krokodilwächter.
Diogenes, März 2018.
512 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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