James Hawes: Die kürzeste Geschichte Deutschlands

Im Zuge der aktuellen Mode, komplexe und umfangreiche Sachverhalte einer großen Leserschaft gefällig und komprimiert nahezubringen, gibt es nun also auch „Die kürzeste Geschichte Deutschlands“. Und tatsächlich verfügt das Buch auch nur über handliche 336 Seiten. Hiervon sind gut zwei Drittel der Neuzeit gewidmet.

Man erhält aber im ersten Drittel trotzdem einen guten Überblick, was seit der Antike in dem Bereich Zentraleuropas, der heute Deutschland heißt, alles geschehen ist. Der Autor schafft es, sowohl mithilfe mancher Quellen als auch mit Vergleichen zur Populärkultur den jeweiligen Zeitrahmen lebendig erscheinen zu lassen.

So erfährt der Leser, dass „Germanien“ eine Erfindung der Römer ist, liest von der Wanderung der Germanenstämme und landet schließlich im Mittelalter, in dem nach Karl dem Großen – der vom Autor großzügig als Deutscher betitelt wird (unsere französischen Nachbarn wären da anderer Meinung…) erstmalig von so etwas wie „Deutschland“ die Rede sein.

Der Deutsche Orden, die Hanse, Preußen, Luther usw. – alle bedeutenden Themen der Geschichte werden im Buch angeschnitten und verständlich zusammengefasst. Insofern kann ich diesen Teil eigentlich nur jedem ans Herz legen, der einen Überblick über die historische Entwicklung in diesem Teil Europas gewinnen möchte.

Was die neuere Geschichte betrifft, so geht der Autor recht ausführlich auf sie ein. Dies geschieht auch unter dem Eindruck der Flüchtlingswelle mitsamt ihrer Willkommenskultur, die, als das Buch geschrieben wurde, Deutschland erstmalig erreichte.

Hawes beleuchtet einige Hintergründe insbesondere der vergangenen Kriege, die mir bisher so noch nicht bekannt waren. So war mein bisheriger Eindruck, dass Europa – und insbesondere Deutschland – geradezu kriegslüstern in den ersten Weltkrieg stürmte. Aus dem Buch erfährt man, dass von allen Kontinentalmächten Deutschland die einzige war, deren Elite ernsthaft befürchtete, dass das Volk sich dem Krieg verweigern könnte. Auch tun sich erschreckende Parallelen zur Jetztzeit auf, wenn man erfährt, dass Hitlers Wahlsiege auch daraus resultierten, dass er nicht dem System, dem Establishment, angehörte. Auch die Hintergründe des deutschen Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg werden, in für mich völlig neuer Weise, beleuchtet. Gleiches gilt für Taktiken und Ideen mit denen während des kalten Krieges seitens der Großmächte und Westdeutschlands geliebäugelt wurde und, die noch nachträglich erschreckend wirken.

Im Laufe des Buchs, insbesondere dem Ende zu, entwickelt der Autor die Idee, dass Deutschland aus zwei Teilen besteht. Dem „eigentlichen“ nach Westen gerichteten, katholisch geprägten Teil zwischen Rhein und Elbe und dem, was er „Ostelbien“ nennt. Ein romantisch anmutender Begriff, der glatt aus dem Herrn der Ringe stammen könnte. Was der Autor allerdings diesbezüglich an Aussagen macht, empfand ich in weiten Teilen als ziemlich verstörend. Der Leser sollte sich dazu eine eigene Meinung bilden.

James Hawes studierte in England Germanistik. Er hat sowohl Romane geschrieben als auch eine Kafka-Biografie.

James Hawes: Die kürzeste Geschichte Deutschlands.
Propyläen Verlag, Mai 2018.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Pia Konle.

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