Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

Der Pfarrer Hannes und seine Frau Florentine leben in einem Dorf im Banat. Florentine ist in der Stadt aufgewachsen, hat keine Party ausgelassen, aber sie hat diesem Experiment zugestimmt und sich bald ans Landleben gewöhnt. Sie freundet sich mit Nika an, die zwar einen Mann und drei Kinder hat, aber ihre Zeit auch liebend gerne mit Florentine, Kaffee und Sauerkirschlikör verbringt – bis sie an einer versuchten Abtreibung stirbt.

Zu den anderen Dorfbewohnern findet Florentine kaum einen Draht. Denn sie spricht nicht gerne. „Ihr Schweigen musste wirken, als hielte sie sich für etwas Besseres. Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrungen heran.“ (Kapitel 1, Zăpadă).

Auch ihr Sohn Samuel spricht spät und nicht viel. Sie vermutet, dass sie daran schuld ist. Hannes fällt es schwer, einen Zugang zu Samuel zu finden. Auch die Stellung im Banat ist nicht gerade das, was er sich gewünscht hat.

Dennoch führen Hannes und Florentine ein offenes Haus. Immer wieder haben sie Gäste, die auf der Durchreise eine Unterkunft bei ihnen finden. Eines Tages kommen Bene und Lothar bei ihnen unter. Sie stammen aus der DDR und sind auf dem Weg ans Schwarze Meer. Aus dem kurzen Zwischenstopp werden drei Wochen und eine Verbindung, die später noch eine Rolle spielen wird.

Karline, Hannes‘ Mutter, sehnt sich manchmal nach früher. Nach der Zeit, als ihre Familie noch wohlhabend war und der König ihr einmal die Hand gegeben hat. Nun lebt sie im Sozialismus und kann nur noch davon träumen oder ihrem Enkel Samuel Geschichten darüber erzählen.

Stana, Samuels Freundin, hat Probleme mit ihrem Vater, dem parteitreuen Konstanty, der Verhöre mit (vermeintlichen) Systemgegnern führt und dafür die eine oder andere Vergünstigung kassiert. Und Oz, Samuels bester Freund, hält es in der Unfreiheit der rumänischen Diktatur nicht mehr aus.

Florentine, Hannes, Karline, Stana, Oz, Bene und Livia (Samuels Tochter) – diesen sieben Menschen widmet Iris Wolff in ihrem Buch „Die Unschärfe der Welt“ jeweils ein Kapitel. Dabei kreist die Handlung häufig um Samuel, er wird zum Kristallisationspunkt, auf den sich alle – mehr oder weniger – beziehen. Jede einzelne dieser lebendigen, vielschichtigen Figuren ist mir ans Herz gewachsen, die Autorin schafft es, dass ich ihre Hoffnungen und Gefühle teile.

Iris Wolff spannt (inklusive der Rückblenden) einen Bogen über weite Teile des 20. Jahrhunderts und bringt den Leserinnen und Lesern mit dem Banat eine Gegend nahe, die wahrscheinlich nur wenigen Menschen vertraut ist.

Der vielfach ausgezeichneten Autorin gelingt es auf hervorragende Weise, eine spannende und konkrete (Familien-)Geschichte zu erzählen und gleichzeitig allgemeingültige Themen wie Kommunikation, Freundschaft, Verlust und Zugehörigkeit zu reflektieren. Sie geht auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ein, setzt sie aber kunstvoll in Bezug zu den handelnden Personen. Dabei schreibt sie kein Wort zu viel und keins zu wenig. Sie findet poetische Bilder und Wendungen, wie ich sie so noch nicht gelesen habe, die leicht zu erfassen sind, aber viel Stoff zum Nachdenken in sich tragen.

Wenn die Traurigkeit in der Brust wohnt, dann steckt die Lustigkeit in den Zehen. Alles hat im Körper einen festen Platz, dachte Stana, und arbeitete an der Vervollständigung dieser Landkarte.“ (Kapitel 4, Windwanderer)

Wer – wie ich – bei solchen Formulierungen nicht mehr aufhören kann zu lesen, wer intelligente Unterhaltung und einen neuen, ungewöhnlichen Blick auf die Welt und die Protagonisten schätzt, dem kann ich „Die Unschärfe der Welt“ nur wärmstens empfehlen.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt.
Klett-Cotta, August 2020.
216 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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Ein Kommentar zu “Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

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