Genevieve Cogman: Die Bibliothekare 06: Die verborgene Geschichte

Irene Winter ist Bibliothekarin. Nun haben wir, wenn wir das Wort Bibliothekarin hören, ein bestimmtes Bild im Kopf. Eine graue Maus mit großer Brille, eher unauffällig und introvertiert, zurückhaltend und ja ich weiß, ein Klischee, aber in aller Regel auch unattraktiv. Eine unabhängig vom biologischen Alter alte Jungfer, die ihre Erfüllung zwischen den Zeilen ihrer Lektüre findet.

Allerdings ist unsere Erzählerin so ziemlich, nein, eigentlich in Tuto das Gegenteil von dem, was man sich unter einer Bibliothekarin vorstellt. Attraktiv, mutig, anpackend, risikofreudig und wehrhaft. Eine wahre Power-Frau, die es liebt ins Abenteuer zu ziehen. Nachdem es ihr im letzten Band gelungen ist einen Friedenspakt zwischen Elfen und Drachen auszuhandeln und zu ratifizieren, könnte sie sich gemütlich und wohlverdient in ihrem Sessel zurücklehnen und ein gutes Buch schmökern.

Doch dann ruft – erneut – die Pflicht. Die Bibliothek sendet sie aus, ein Buch zu sichern, das alleine den Frieden auf einer der vielen Welten sichern kann. Ein Sammler, ein Elf namens Nemo besitzt das Buch – doch er fordert, wie kann es aiúch anders sein, als Preis für die Herausgabe einen Gegenleistung. Zusammen mit einer mehr als gemischten Truppe Helfer, Schurken mit jeweils eigenen Motiven allesamt, sollen Irene und Drachenprinz Kai aus dem Museum in Wien ein großes Gemälde besorgen, sprich stehlen. Dumm, dass Censor, eine Art Staat im Staate der Jagd auf übernatürliche Wesen macht, sich auf ihre Fersen heftet. Noch ungeschickter, dass auf der eigentlich allein den Menschen vorbehaltenen Welt Drachen ihr Unwesen treiben – Drachen, die ausgerechnet dieses Bild mit allem schützen, was ihnen an Kräften gegeben wurde – und dies ist nicht gerade wenig. Was nur macht die Beute so interessant, so unheimlich wertvoll, dass Drachen wie Elfen geradezu verzweifelt versuchen, des Bildes habhaft zu werden?

Hatten wir im letzten Band eine, wenn auch kleine Zäsur, geriet doch das politische Geschehen mehr ins Zentrum des Plots, so kehrt die Autorin mit vorliegender Handlung wieder in alte, erfiolgsgewohnte Fahrwasser zurück – sprich, es gibt einen Plot, der ebenso action- qwie spannungsgeladen abläuft.

Cogman hat sich hier durch die Klassiker inspirieren lassen – die Oceans Trilogie stand ebenso wie diverse Beutezüge die intelligenten, versierten Dieben aus Film und Literatur Pate – nur eben angereichert, durch ihre übernatürlichen Figuren. Und sie brennt ein wahres Feuerwerk an Verfolgungsjagden, Casino-Besuchen, Betrügereien und Diebstählen ab. Dabei baut sie auch auf ihre neue, selbst vor Ort recherchierte Kulisse Wiens. Auch wenn hier die typischen Wiener Spezialitäten – Hofburg, Reitschule, Sacher-Torte – nicht fehlen dürfen, fügt diese reale Kulisse der Handlung ein echt wirkendes Fundament hinzu, das dem Plot gut tut. Die Hautfiguren selbst sind bekannt und entwickelt, hier tut sich wenig.

So ist dies in erster Linie ein Roman, der das große Ganze nicht wesentlich voranbringt, mehr zum Fun und als packende Abenteuergeschichte verfasst wurde, hier dann aber auch voll punktet. Kein Wunder, dass neben David Weber die Britin Cogman die einzige Autorin aus dem phantastischen Bereich bei Lübbe ist, die weiter in der allgemeinen Reihe publiziert werden soll.

Genevieve Cogman: Die Bibliothekare 06: Die verborgene Geschichte.
Bastei Lübbe, November 2020.
400 Seiten, Taschenbuch, 16,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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