Garry Disher: Hope Hill Drive

Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, wurde vor einem Jahr in Sydney degradiert. Darüber hinaus musste er sich seine Versetzung gefallen lassen. In der australischen Kleinstadt Tiverton fährt er allein Streife und kümmert sich um alle Vorfälle im wenig besiedelten Buschland. Ausgerechnet zur Weihnachtszeit werden Ponys abgeschlachtet oder verletzt, und kaum haben die Medien dieses Ereignis in Szene gesetzt, findet Hirsch zwei Mordopfer.Das beschauliche Leben in Tiverton hat sich schlagartig in ein Minenfeld verwandelt.

Wer den erfolgreichen Krimiautoren Garry Disher noch nicht kennengelernt hat, dürfte mehr als nur einen Krimiautoren verpasst haben. Sein aktuelles Buch, erneut von Peter Torberg übersetzt, beginnt – wie all seine wunderbaren Geschichten – in den ländlichen Bereichen von Südaustralien. Abgesehen von dem einzigartigen Lokalkolorit begleitet man einen Einzelgänger, der auf kriminelle Machenschaften stößt, die mitunter zu einer Gewissensfrage werden. Aus der Perspektive von Hirsch erfährt der Leser in einer chronologisch aufgebauten Geschichte, wie der Constable unter der brennenden Dezemberhitze unterschiedliche Bewohner befragt. Unter der kritischen Beobachtung seiner Vorgesetzten und deren Dienstherren aus Sydney sucht der in Ungnade gefallene Hirsch Kleinkriminelle, vermisste Kinder und Mörder. Dabei findet er mehr heraus, als für sein Wohlbefinden gut ist.

Garry Dishers Held zeigt eine erfrischende Ehrlichkeit, wenn er sich selbst für einen nicht besonders netten Menschen hält. Seine Selbstreflexion geht noch weiter: „Nein, Hirsch hatte nicht daran gedacht. […]  Sein Leben war voll mit Dingen, an die er nicht gedacht hatte, und mit Dingen, von denen er wusste, dass er sie hätte machen sollen.“ (S. 127)

Aus den geschichtlichen Aufzeichnungen von 1839 erfährt er, dass es in seiner neuen Heimat nicht nur ein angenehmeres Klima und mehr Wasser gab. Als die ersten Geschäftsleute auftauchten, um in dieser Gegend Bodenschätze zu gewinnen, wurden die störenden Aborigines entweder vertrieben oder ermordet. Wirtschaftlicher Auf- und Niedergang auf dem mit Blut getränkten Boden prägte die Menschen, während die Sonne durch den Klimawandel immer mehr brannte, bis vieles vertrocknete. Vor diesem Hintergrund fristen die übriggebliebenen Nachfahren ihr Leben im Busch. Alles Fremde dient der allgemeinen Unterhaltung. Und mitten drin ermittelt der neue Constable und droht lang gepflegte Heimlichkeiten und kriminelle Energien aufzuwühlen.

Trotz der langsamen Entwicklung baut sich schnell ein Spannungsbogen auf, dem man sich nicht mehr entziehen möchte. Der scheinbar hilfsbereite Nachbar, Familien mit schlechtem Ruf oder auch die Kollegen selbst werden zu Hirschs Gegnern. Die greifbare Bedrohung bleibt bis zum Schluss erhalten. Gleichzeitig wird der Weg in den unvermeidbaren finalen Kampf so plastisch beschrieben, als befände man sich mitten in einem Film.

Gute und fein austarierte Unterhaltung hat einen Namen: Garry Disher.

Garry Disher: Hope Hill Drive.
Unionsverlag, August 2020.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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