Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

liebeElizabeth Strout, in diesem Jahr sechzig gewordene amerikanische Schriftstellerin, hat Jura studiert und mehrere Romane geschrieben. Sie verbrachte ihre Kindheit in Maine und New Hampshire und lebt aktuell in New York. Für „Olive Kitteridge“ (Deutsch: Mit Blick aufs Meer, Luchterhand, 2010) erhielt sie 2009 den begehrten Pulitzer-Preis. Der Roman wurde mit Frances McDormand in der Titelrolle als hochgelobte Miniserie 2014 in Amerika ausgestrahlt und 2015 mit mehreren Emmys ausgezeichnet. Ihr erster Roman „Amy & Isabelle“ erschien 1998 und widmet sich einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Und dies tut nun auch ihr neuester Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Originaltitel: My Name is Lucy Barton), der im August im Luchterhand Literaturverlag erschienen ist. Sabine Roth hat ihn aus dem Amerikanischen übersetzt.

Da liegt die Schriftstellerin Lucy Barton nach einer Operation mit einer mysteriösen Infektion für neun Wochen im Krankenhaus in New York mit Blick auf das Chrysler Building und hat sehr viel Zeit, über ihr Leben nachzudenken. Nach einigen Wochen erhält sie völlig überraschend Besuch von ihrer Mutter, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Und nun beginnt eine Rückschau auf Lucys Kindheit auf dem Land. Lucy liegt im Bett und lauscht den Geschichten, die ihre Mutter ihr erzählt. Dabei kommen die Erinnerungen an die Zeit, in der Lucy aufwuchs, wieder. Die Familie ist arm und lebt am Rande der kleinen Stadt, der Vater war im 2. Weltkrieg und kehrte traumatisiert zurück. Er arbeitet als Mechaniker, die Mutter übernimmt Näharbeiten. Lucy hat einen Bruder und eine Schwester. Die Familie bleibt Außenseiter. Wenn die Eltern keine Zeit haben oder zur Strafe, wird Lucy im Pick-up eingesperrt. Und da gibt es noch „diese Sache“, über die niemand spricht. Lucys Mutter bleibt 5 Tage und Nächte, in denen sie kaum schläft, im Krankenhaus. Aber das ersehnte „Ich habe dich lieb“ kommt ihr nicht über die Lippen. Danach reißt der Kontakt wieder ab. Lucys Mutter und später auch der Vater sterben.

Lucy lernt die Schriftstellerin Sarah Payne kennen und besucht einen Workshop über das Schreiben bei ihr. Lucy beginnt die Geschichten ihrer Kindheit, ihrer Ehe aufzuschreiben. Später trennt Lucy sich von ihrem Mann und ihren Töchtern, um schreiben zu können.

Was habe ich „Mit Blick aufs Meer“ geliebt. Und mir danach „Amy & Isabelle“ gekauft, welch ein Unterschied und mit ihm meine Enttäuschung. Jetzt hoffte ich auf Wiedergutmachung und freute mich auf „Die Unvollkommenheit der Liebe“. Doch diese Geschichte hat mich nicht berührt. Zu distanziert die Sprache und Figuren wie Steine, da kommt keine Empathie auf. Dabei liefert die Geschichte schwere Brocken:

Armut, Ausgrenzung, Misshandlung, Homosexualität, Sprachlosigkeit, Verwahrlosung, Gewalt, Trennung, Krankheit, Tod in der Familie. Dazu das kammerspielartige Szenario Mutter und Tochter für 5 Tage und Nächte im Krankenhauszimmer. Das hätte für eine fulminante Story gereicht.

Aber Elizabeth Strout macht nichts daraus. Sie lässt ihre Protagonistin eine Geschichte darüber schreiben, die so kalt wie ein Fisch ist. Was „Mit Blick aufs Meer“ auszeichnete, die wunderbaren Charaktere, die man nicht mögen muss, aber die so lebendig und so widersprüchlich spannend sind, fehlen in diesem Roman. Lucy Barton bleibt fremd und löst Unwillen bei mir aus, weil ich ihr als Lesende weder die Schriftstellerin, also das, was aus ihr trotz schwerer Kindheit geworden ist, noch ihr Bedürfnis nach mütterlicher Liebe abnehme. Hat Strout die distanziert-nüchterne Betrachtungsweise ihrer Hauptfigur vielleicht als Selbstschutz vor den schrecklichen Erlebnissen ihrer Kindheit gedacht, so behindert diese Erzählweise den Zugang der Lesenden zum Schicksal der Figur.  Es gibt nur wenige Stellen in der Geschichte, die anrühren, z.B. die Szene, in der der Vater Lucy einen kandierten Apfel kauft, den sie nicht essen kann. Anderes wirkt konstruiert und herbeigezogen, wie die Ereignisse von 9/11 und die Auswirkungen auf Lucy Bartons Tochter Becka („Das war das Ende ihrer Kindheit.“). Und Lucys Mutter kommt aus unerfindlichen Gründen ans Krankenbett ihrer Tochter und erzählt ihr Geschichten über Personen, „die sie vor langer Zeit gekannt hatte“. Wo sind die guten Dialoge und Beschreibungen? Stattdessen das nächtlich illuminierte Chrysler Building als Symbol der Schönheit, „Reiswaffel“, „Zahnweh“ und „Stilles Kind“ als Spitznamen für Krankenschwestern?

So möchte ich in Abwandlung zu Strouts Schlusssatz sagen: “Lesen (Leben), denke ich manchmal, heißt Staunen.“ Denn ich staune darüber, wie unterschiedlich gut, Geschichten einer Autorin sein können.

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe.
Luchterhand Literaturverlag, August 2016.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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