Elizabeth Harrower: Die Träume der anderen (1966)

Der plötzliche Tod des Vaters verändert das Leben der Schwestern Laura und Clare. Auf Wunsch der Mutter verlassen sie das Internat und müssen damit auf eine fundierte Schulbildung verzichten. Um weitere Kosten zu sparen, verkauft die Mutter auch das Haus in Sydney und mietet ein möbliertes Apartment in dem unbedeutenden Stadtteil Manly an.

„… Ab morgen früh, mein Fräulein, übernehmt ihr das alles, du und Clare.“ Stella Vaizey ließ sich in ihr Bett zurücksinken und streckte mit einer entspannten Geste eine kleine beringte und manikürte Hand von sich weg. … „Du bist in diesem Berufskolleg eingeschrieben, Clare ist in der Schule angemeldet, und … Ihr wisst, wo man einkaufen kann, …“ (S. 12/13)

Die sieben Jahre ältere Laura übernimmt die Rolle der Versorgenden. Dies macht sie so gut, dass die Mutter schon bald beschließt, allein in ihre alte Heimat zurückzuziehen. Die Mädchen werden schon klar kommen. Schließlich arbeitet Laura in dieser Kartonfabrik und ihr unverheirateter Chef, Felix Shaw, möchte vielleicht nicht mehr unverheiratet bleiben. Der Wunsch der Mutter wird erhört, und Felix gefällt die Aussicht, zwei junge Haushälterinnen in seinem Haus zu haben. Dabei spart er auch noch Lauras Sekretärinnengehalt ein.

Der Abschied der Mutter, die Hochzeit und der Einzug in Felix Villa finden zeitnah statt. Nach dieser perfekt abgestimmten Inszenierung lernen die Mädchen Felix wahres Gesicht kennen.

Der Roman Die Träume der anderen von der Australierin Elizabeth Harrower (1928 – 2003) erschien 1966 und zeigt auf ganz subtile Weise, wie das Leben der Schwestern Laura und Clare in den 1940er Jahren fremdbestimmt und terrorisiert wird. Übersetzt wurde das psychologische Drama von Alissa Walser.

Im Kontext zu dieser männerorientierten Zeit, als Feminismus noch ein fremdes Wort war, zeigt die Autorin, Clares natürlichen Wunsch zu lernen, eigenständig zu denken und leben zu wollen, während die intelligente Laura sich den Umständen opfert. Denn Laura glaubt der Mutter, nur in der Ehe einer Notsituation zu entkommen. Die Hoffnung auf bessere Tage hält sie aufrecht. Es ist die gleiche Hoffnung, die auch ihre Mutter jeden Tag versprach.

Verantwortung zu übernehmen und das Mass der Entscheidungsfreiheit innerhalb eines Paares zeigen auch noch heute, wie die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau verteilt sind. Insbesondere dann, wenn die finanzielle oder emotionale Abhängigkeit mitspielt. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Entwicklung einer Ehe mit dem Ersatzkind Clare mehr als nur ein psychologisches Drama in drei Akten. Sie geht tiefer, weil sie alle Varianten der Manipulation darlegt. Wie und ob Laura und Clare sich von Felix befreien können, liest sich extrem spannend und packend.

Elizabeth Harrowers Sprache ist keine, die mit jedem Wort gefallen will. Sie hat eine Botschaft, die keine ausführlichen Beschreibungen von Gewalt und Umständen braucht. Das Drama findet zwischen den Zeilen und in Andeutungen statt. Dabei vertraut die Autorin auf die Lebenserfahrung ihrer Leser.

Elizabeth Harrower: Die Träume der anderen (1966).
Aufbau Verlag, November 2019.
347 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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