Edvart Hoem: Die Hebamme

Marta Kristines Eltern sind Häusler. 1800 bedeutete dieser Beruf in Norwegen eine geringe soziale Stellung und hohe Steuerlast. Häusler lebten in kleinen Häusern oder Hütten mit wenig Grundbesitz und mussten als Gegenleistung für die Großbauern unter anderem als Erntehelfer arbeiten. Erst wenn dessen Ernte sicher eingebracht war, konnten sie sich um ihre eigene Ernte kümmern. Dies hieß: ernten zur falschen Zeit und unter ungünstigen Wetterbedingungen. Häusler arbeiteten meist als Dienstboten, Tagelöhner oder Handwerker. Für junge Frauen mit wenig Schulbildung gab es nur die Heirat mit einem Bauern oder die Arbeit als Magd. Aber Marta Kristine wollte mehr. Sie wollte in ihrem Leben etwas bewirken und kam schon sehr früh auf den Gedanken, den Frauen helfen zu wollen. Für ein armes Häuslermädchen war die Ausbildung zur Hebamme undenkbar unter anderem auch, weil sie als Unverheiratete ein Kind bekam. Trotzdem „Die ihr eigene Ruhelosigkeit würde sie antreiben –  hin zu etwas, das größer war als ihr jetziges Leben. Bei allem, was sie tat, stand flirrend eine einzige Frage vor ihr, was wird aus einer wie mir, wenn Hans mich nicht mehr haben will?“ (S. 61)

Es dauerte einige Jahre, bis sie ihre Jugendliebe Hans heiraten konnte und ähnlich lang, Fürsprecher für ihre Ausbildung zu gewinnen. Doch die eigentlichen Herausforderungen kamen noch. Hebammen-Stina wurde von den werdenden Müttern gemieden.

Der Autor und Übersetzer Edvard Hoem, geboren 1949 in der Nähe von Molde, wurde 2020 für seine Verdienste um die norwegische Literatur ausgezeichnet und trägt den Titel Kommandeur des Sankt-Olav-Ordens. Seine letzten Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet und Bestseller. 2018 hat er endlich einen wunderbaren Roman über seine Ururgroßmutter Marta Kristine Andersdatter Nesje abgeschlossen, wie man ihn selten zu lesen bekommt.

Ihr herausragendes Leben war nur möglich, weil sie ein besonderer Mensch gewesen sein musste: Schon früh fiel Stinas schnelle Auffassungsgabe und Furchtlosigkeit auf. Später wanderte sie 600 km in das nördlich gelegene Christiania, um Hebamme zu werden. Für diese Ausbildung ließ sie Ehemann Hans und drei kleine Kinder zurück. Nach ihrer Rückkehr arbeitete die Hebamme Stina fünfzig Jahre in ihrer Wahlheimat.

Über einen ähnlich langen Zeitraum ging Edvard Hoem seine Ururgroßmutter nicht aus dem Kopf. Er war sich schon seit langem darüber im Klaren, dass er über sie schreiben musste. Dann ging er selbst auf eine lange Reise, die „[…] weit zurück in das Dunkle der Geschichte führte.“ (S. 5) Anschaulich und berührend beschreibt er die Härten der Landbevölkerung. In dem von Kriegen heimgesuchten Norwegen litt ein Großteil der Bevölkerung unter großer Armut und Not. Vor diesem Hintergrund wirken Marta Kristines Leistungen übermenschlich. Aus unzähligen spärlichen Informationen schuf Edvard Hoem eine historische Geschichte, die man so schnell nicht vergisst.

Edvart Hoem: Die Hebamme.
Aus dem Norwegischen übersetzt von Antje Subey-Cramer.
Urachhaus, Dezember 2021.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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