David Szalay: Turbulenzen

In seinem schmalen Roman „Turbulenzen“ erzählt der kanadisch-britische Autor David Szalay zwölf kleine Geschichten von Menschen, die sich zwar zufällig begegnen, deren unterschiedliche Schicksale aber ansonsten wenig miteinander zu tun haben. Immer geht es dabei ums Fliegen. Und so sind auch die einzelnen Kapitel nach Flugrouten betitelt: „Von London nach Madrid“ oder „Von Madrid nach Dakar“.

In der ersten Geschichte erleidet eine ältere Dame einen Zusammenbruch. Sie kehrt vom Besuch ihres Sohnes zurück, der an Prostatakrebs erkrankt ist. Im Flugzeug neben ihr sitzt ein senegalesischer Geschäftsmann, der in Dakar erfahren muss, dass sein Sohn einen Motorradunfall hatte. Wegen dieses Unfalls kommt ein Flugkapitän zur spät zur Arbeit. Und so geht es immer weiter, bis sich am Ende der Kreis schließt und wir mit dem letzten Flug von Budapest nach London wieder bei dem an Krebs erkrankten Mann ankommen.

So gesehen ist dieser Roman nicht nur eine Reise um die Welt sondern zugleich eine literarische Anordnung wie in Arthur Schnitzlers Klassiker „Reigen“.

​David Szalay, geboren 1974, bedient sich dabei eines sehr knappen und prägnanten Stils, der die menschlichen Katastrophen, die seine Figuren erleiden, stark hervortreten lassen. Denn immer geht es ums Große und Ganze – ums Verlassen-Werden, um lebensbedrohliche Erkrankungen, um einen Mann, der seine Frau schlägt, um eine verheimlichte Homosexualität, um eine brüderliche Hassliebe, um die Liebe und den Tod.

Die Emotionen, die diese Szenarien freisetzen, werden im Buch zwar nicht explizit benannt, leuchten aber dennoch – quasi zwischen den Zeilen – umso deutlicher hervor – wie bei einem Maler, der mit nur wenigen Pinselstrichen ein Meisterwerk erschafft.

Mit seinem früheren Werk „Was ein Mann ist“, das in Deutschland 2018 erschienen ist, kam Szalay 2016 auf die Shortlist des Man-Booker-Preises.

David Szalay: Turbulenzen.
Hanser Verlag, August 2020.
136 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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