Dashka Slater: Bus 57

2012 lebte Richard wieder in Oakland bei seiner Mutter. Wegen einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen ihm, seinen Freunden und einer Gruppe weißer Jugendlicher war er bereits als 14-Jähriger zu dem Verbleib in einer Jugendgruppe verurteilt worden. Über ein Jahr lang befand er sich in einer Betreuung und unter Beobachtung. Vieles hat sich nach seiner Rückkehr geändert. Er wollte mehr für die Schule lernen, regelmäßig zum Unterricht gehen und sich verantwortungsvoll verhalten. Doch anderes war geblieben. Wenn er mit den falschen Leuten zusammenhing, vergaß er seine Vorsätze. Auch sein Naturell war geblieben, das ihn dazu verleitete, den Spaßmacher zu spielen.

Die Chancen, für afroamerikanische Jungen auf dem Rücksitz eines Streifenwagens zu landen, waren für Richard nach wie vor sehr hoch. Jungen wie er „… machten nur dreißig Prozent der minderjährigen Bevölkerung Oaklands, aber fünfundsiebzig Prozent aller verhafteten Jugendlichen aus.“ (S. 104)

Am 04. November 2013 war er erneut mit den falschen Leuten zusammen, mit denen er herumalberte. Für seine 16 Jahre wirkte er deutlich jünger und unreifer. Im Bus 57 saß Sasha in ihrer Nähe, die/der zu einer Weste und Kappe einen weißen Rock trug. Sasha war offensichtlich anders als die/der durchschnittliche Jugendliche.

Die Idee, der/dem Schlafenden einen Streich zu spielen, kam fast automatisch. Richard sollte mit einem Feuerzeug den Rock ankokeln. Als das Feuerzeug zündete, brannte Sasha innerhalb weniger Sekunden lichterloh.

Einen Tag später wurde Richard verhaftet. Und er machte alles falsch, was ein unerfahrener Jugendlicher falsch machen konnte. Unter anderem sorgten die Polizisten dafür, dass dem Minderjährigen beim Verhör niemand zur Seite stand. Das Schuldgefühl und die Scham verleiteten Richard zu Aussagen, die ihm nur schadeten. Danach war die juristische Richtung festgelegt: Richard sollte wie ein Erwachsener verurteilt werden. Mit allen Konsequenzen für sein weiteres Leben.

Die Journalistin der New York Times Dashka Slater recherchierte über drei Jahre die Hintergründe der Ereignisse im Bus 57, die in den Medien für viel Aufmerksamkeit sorgten. Das Besondere an diesem Vorfall war nicht nur die/der in Brand gesetzte Sasha, die/der mit ein bisschen weniger Glück an den Folgen des »Streiches« hätte sterben können. Dieses Ereignis polarisierte: das Opfer, ein jugendlicher, weißer Agender und auf der anderen Seite ein afroamerikanischer Jugendlicher. Das mögliche Hassverbrechen an jemandem aus einer Minderheit konnte die Gemüter nur erhitzen. Dashka Slater begann, die sozialen Hintergründe und das langwierige Gerichtsverfahren in Zeitungsartikeln offenzulegen. Allmählich sammelte sich so viel Material, dass ein Buch zu der Geschichte von Sasha und Richard eine logische Konsequenz wurde. Entstanden ist ein vielschichtiges Buch, das man mit einem Rohdiamanten vergleichen könnte, dem kapitelweise neue Facetten geschliffen werden. Das Ergebnis ist eine fundierte, spannend-tragische und wahre Geschichte, die nicht nur aus aktuellem Anlass in den USA die Themen Rassendiskriminierung und ungleiche Chancenverteilung verarbeiten.

In ihrem Buch zeigt Dashka Slater auch sehr deutlich, wie schwierig die Orientierung von Jugendlichen wird, wenn sie sich nicht eindeutig als weiblich oder männlich fühlen. Die Akzeptanz von Individualität, unabhängig von der Herkunft, Biografie und sexueller Orientierung fokussiert die Autorin, in dem sie dies in ihrer Sprache aufgreift. Für das dritte Geschlecht verwendet sie neue Pronomen, die anfangs bei der Lektüre befremden, vielleicht sogar den Lesefluss irritieren. Doch recht schnell wird die darin innewohnende Logik begreifbar.

Darüber hinaus zeigt die Autorin, wie routinierte Verallgemeinerung die Toleranz für Randgruppen zerstört. Schnell vergisst man, wie viele Nuancen eine Farbe haben kann. Jungen Menschen eine gute Schulbildung zu nehmen und ihnen dafür den Zugang zu Drogen und Waffen zu erleichtern, sind der Garant für eine nicht funktionierende Gesellschaft. Leider sickert das Recht auf ein glückliches, erfülltes Leben seit Generationen durch ein starres Sieb. Die Strukturen der Ausgrenzung erlauben auch heute wenig Miteinander.

Dashka Slater: Bus 57.
Loewe, März 2019.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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