Christopher Clark: Gefangene der Zeit: Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump

„Geschichte wiederholt sich immer zweimal: Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“, soll Karl Marx einmal gesagt haben. Lernt die Menschheit aus ihrer Vergangenheit? Oder geht es stets nur um Macht, in welcher Form auch immer? Können wir das Große und Ganze jemals überblicken oder bleiben wir im eingeschränkten Blickwinkel unserer eigenen Epoche gefangen? Dem Historiker Christopher Clark ist es gelungen, diese Fragen auf äußerst informative und unterhaltsame Weise aufzuarbeiten. In den gesammelten Essays dieses Buches begleiten wir einen biblischen Herrscher in seinen Traum, die Juden bis „ans Ende aller Tage“ und Heinrich Himmler bei abstrusen Esoterikforschungen. Christopher Clark zeigt, was der Brexit mit Bismarck zu tun hat und warum sich Macht nicht durch Unterdrückung, sondern durch stillschweigende Duldung der Massen entfalten kann. Bereits nach wenigen Sätzen erliegen wir Leser der Faszination der Geschichte. Clark verdeutlicht uns historische Analogien, die uns bislang verborgen geblieben sind. Der wohl größte Verdienst dieses Buches: Geschichte ist lebendig, die Vergangenheit niemals abgeschlossen. Sie bedarf eines ständigen Dialoges, der sicher Geglaubtes hinterfragen sowie andere Ansätze zulassen soll. Kurz: Clarkes Werk ist ein wichtiger Beitrag zu einer intelligenten Diskussionskultur, deren Mangel in jüngster Zeit offensichtlich ist.

Wussten Sie, dass im Ersten Weltkrieg mehr Menschen durch Seuchen, als durch Kriegseinsätze gestorben sind? Oder dass wir bis heute die Geschichte in falsche Epochen unterteilen?  Diese und weitere, überraschende „Tatsächlich?!“-Momente hält dieses Buch bereit.

Es beginnt mit einem äußerst aktuellen Essay zum Thema Covid-19 und den Umgang mit Seuchen in den vergangenen Jahrhunderten. Fest steht: Verschwörungstheoretiker, Sündenböcke und Leute, die auf die AHA-Regeln pfiffen (sprich lieber auf Maskenbällen Orgien feierten, als Abstand hielten) gab es schon zu  Zeiten der Pest. Statt Spahns mahnenden Worten, griffen die Gesundheitsbehörden von Florenz damals zu drastischeren Methoden. Sie gruben eine kürzlich verstorbene junge Frau aus, warfen den halb verwesten Leichnam mitten unter die Feiernden und riefen: „Die hier will auch mittanzen.“. Andere Zeiten – andere Sitten! Seuchen waren unverhoffte „Biowaffen“ um eroberte Gebiete zu entvölkern, riefen aber auch eine Welle der Solidarität unter der Bevölkerung hervor, indem zum Beispiel Kinder von verstorbenen Nachbarn in der eigenen Familie aufgezogen wurden.

Besonderes Interesse hat Clark für die Formen und Funktionen von Macht. Wie funktioniert sie in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, von der Diktatur bis zur Demokratie? Bei diesem Thema begegnet uns (männlicher) Größenwahn in jeder erdenklichen Form. Beispiele: König Nebukadnezar wollte seine komplette Beraterriege hinrichten lassen, weil sie es nicht schaffte, ihm einen Traum zu deuten, an den er sich selbst gar nicht mehr erinnern konnte! SS-Führer Heinrich Himmler glaubte allen Ernstes, am Ende des Zweiten Weltkrieges den Holocaust leugnen und eine Stelle als Berater bei den Alliierten erhalten zu können! Donald Trump … ach, lesen Sie selbst!

Aufgewachsen in Australien, als Student in Berlin und später in Cambridge, wo er noch heute als „Regius Professor for History“ tätig ist, zudem verheiratet mit einer deutschen Kunsthistorikerin – durch seinen Werdegang schafft es Sir Christopher Clark, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen.

Besonders hervorzuheben ist Clarks Stil: sein subtiler Humor, der anregend, aber niemals aufdringlich wirkt. Der Historiker beherrscht sein Metier, womit er sowohl ganz tief in der Materie steckt, als auch konziliant über den Dingen steht. Den Spagat, kontroverse Sichtweisen einzubringen und dabei eine eigene Meinung einzunehmen, ohne diese dem Leser zu indoktrinieren, gelingt ihm mühelos.

Generell beweist der Geschichtsprofessor eine besondere Klasse. Zum einen optisch: Clark moderiert für die ZDF-Dokumentationsreihe „Terra X“ die jeweils mehrteilige Deutschland-, Europa- und Weltensaga. Bekleidet mit Fliege und britischem Akzent, bringt er entschieden mehr Stil auf den Bildschirm. Zum anderen menschlich. Dies zeigt sein Umgang mit den teils harschen Kritiken, die er von deutschen Journalisten für seinen 2013 erschienen Bestseller „Die Schlafwandler“ einstecken musste. Diese warfen dem Historiker vor, die Alleinschuld Deutschlands am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu relativieren. Gekonnt nimmt Clark in seinem Essay „Von Nationalisten, Revisionisten und Schlafwandlern“ dazu Stellung. Er zitiert zunächst wörtlich die bösartigen Kommentare – man merkt förmlich, wie sich bei den entsprechenden Kritikern der Schaum vor dem Mund bildet – und stellt seine eigene Argumentation samt Quellenangaben gegenüber. Auf nonchalant höfliche Weise. Aufmerksame Leser merken, wie Clark seine Kritiker ein wenig spielerisch vorführt, aber äußerst intelligent. Am Ende dankt er ihnen sogar für ihre Beiträge. Er lobt den Prozess der historischen Selbstprüfung, der in Deutschland nach 1945 stattgefunden hat, als eine wertvolle Errungenschaft. Das nennt sich Klasse!

Fazit: Faszinierende Analogien, die Ihnen die Augen öffnen werden, präsentiert mit britischem Charme, Stil und Humor: „Gefangene der Zeit“ ist ein Buch der Extraklasse, das bestens unterhält. Mal ehrlich: Wenn Clark scheibt „für einen Historiker macht eben diese Lust auf historische Kontroversen Deutschland zu einem ganz besonderen Ort“, dann ist für wahre Literaturfreunde der Gang zur nächsten Buchhandlung obligatorisch, oder?

Christopher Clark: Gefangene der Zeit: Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump.
DVA, November 2020.
336 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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