Anthony Ryan: Draconis Memoria 02: Das Heer des Weißen Drachen

Willkommen zurück in Mandinorien, einem Reich, das von einem ebenso korrupten, wie allgewaltigen Handels-Syndikat geführt wird, das sich auf einen Rohstoff stürzt, den nur und ausschließlich Drachen liefern – Drachenblut nämlich. Blaue, rote, grüne und schwarze Drachen werden gnadenlos und effektiv gejagt, um an ihren Lebenssaft zu gelangen, die Drachenjagd und -zucht ist ein mehr als lukratives Geschäft. Ein Blutgesegneter, nur einer unter Tausend Menschen, kann durch Einnahme eine der vier Varianten des Produkts, wie das Blut als rare Handelsware genannt wird (blau, rot, schwarz und grün) seine Fähigkeiten weit über das normale Maß heraus steigern. Blau ermöglicht die telepathische Kommunikation, Rot die Freisetzung von Energie auch mittels Maschinen, Schwarz steigert die Konstitution und persönlichen Kräfte und grün verleiht dem Blutgesegneten Konzentration und an Magie grenzende Heilfähigkeiten.

Dumm, dass der legendäre weiße Drache weder ein Mythos ist, noch dem Geschehen weiter tatenlos zusehen mag. Mit einer Armee von Verderbten – Menschen, die mittels der Drachenmagie in willige Helfer der Lindwürmer verwandelt und kräftemäßig aufgewertet wurden – macht er sich auf, die Imperien der Menschen zu erobern und zu vernichten. Ganze Drachenhorden brechen von Norden kommend über die Reiche der Menschen herein, die Verderbtenarmee bewegt sich südwärts. Der Untergang der Menschen scheint unaufhaltsam.

Unser Fokus bleibt dabei weiterhin im Wesentlichen auf zwei Figuren. Clay, einst ein schlitzohriger Dieb und unregistrierter Blutgesegneter bricht ins ewige Eis des Nordens auf, um dort nach Rettung zu suchen – und findet tief unter dem ewigen Weiß eine ganz eigene Welt. Währenddessen schleicht sich die Kompanie-Agentin Lizanne im best-gesichersten Gefängnis des Kaiserreiches ein, scheint sich dort doch die Spur des legendären Erfinders, den man nur unter dem Namen der verrückte Tüftler kennt, zu verlieren …

Im zweiten Band der Trilogie, die den Legenden um die Drachen eine ganz neue, eigene Version hinzufügt, setzt die Handlung nahtlos an den ersten Band an. Weiter geht es also mit dem Fanal gegen die gedankenlose, grausame Nutzung von Tieren, um das Recht für Freiheit und Selbstbestimmung und einer Handlung, wie man sie so noch nie gelesen hat.

Die Welt, in der Ryan seinen Plot ablaufen lässt, ist dabei ebenso schillernd, wie ungewöhnlich. Weit von den üblichen, archaischen Fantasy-Bühnen begegnet uns eine Welt, in der die Industrialisierung ihre erste Hochzeit überschritten hat, in der die Kräfte des Markts gefeiert werden und die alten Vorurteile, Tabus und Standesunterschiede hinterfragt werden. Wenngleich dem Band ein Zusammenfassung der Handlung im ersten Roman leider fehlt, findet sich der Kundige Leser schnell zurecht – allerdings sollte man den ersten Teil gelesen haben, da die Personen und Vorgänge aus diesem immer wieder als Grundlage für die Fortsetzung der Handlung vorausgesetzt werden.

Überzeugte der erste Band durch eine wunderbar ausgewogene Mischung aus Anspruch, Action und Unterhaltung, so gewichtet der Autor seinen Plot dieses Mal etwas anders.

Die Kritik an der Kommerzialisierung durch Großkonzerne tritt in den Hintergrund, statt dessen treten der Abenteueraspekt und die Rätsel um die Lindwürmer mehr ins Zentrum der Erzählung. Der Handlungsbogen ist dieses Mal noch straffer angelegt, die Handlung voller Rätsel, dramatischen Situationen und Überraschungen. Insbesondere die Zeichnung der menschenunwürdigen Zustände im Großgefängnis, in dem die Spezies Mensch einmal wieder zeigt, zu welcher Brutalität und Grausamkeit sie fähig ist, weiss zu faszinieren und zu erschrecken.

So wird ein Jeder, der den ersten Teil goutiert hat, wieder voller Begeisterung in eine mehr als ungewöhnliche Welt eintauchen, den Protagonisten in ihre Abenteuer folgen und atemlos verfolgen, wie sie ein ums andere Mal in lebensbedrohliche Situationen geraten.

Anthony Ryan: Draconis Memoria 02: Das Heer des Weißen Drachen.
Klett-Cotta, September 2018.
699 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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