Andreas Drouve: Den Letzten beißt der Grottenolm

olmWarum Journalisten die zweitniedrigste Lebenserwartung aller Berufsgruppen haben, erschließt sich dem Leser spätestens nach der Lektüre dieser amüsant-überdrehten Satire. In deutschen Regionalredaktionen ist nicht alles Gold, was gedruckt wird. Straßenumfragen werden gefälscht, die journalistische Objektivität beugt sich dem Anzeigenetat, grottenschlechte Laientheater werden mit militärischen Fachjargon – eins zu eins aus Weltkriegsberichten kopiert – aufgewertet. Dies führt zu schmissigen, aber schlichtweg erlogenen Sätzen wie „In einer Bombeninszenierung torpedierte das Ensemble die Lachmuskeln der Besucher.“

Ob Nacktwanderwege, Karnevalsprunksitzungen, Verleihungen von Ehrennadeln  oder durchgeknallte Vernissagen wie „Hähnchen in 125 Positionen“ eines Scan-Art Künstlers: Themen wie diese verlangen von dem namenlos bleibenden Ich-Erzähler alles ab. Versetzt in die Lokalredaktion des „Bürweiler Blitz“ im finstersten Provinzwinkel der Republik, muss er sich mit geltungssüchtigen Lokalpolitikern und endlosen Vereinsveranstaltungen herumplagen. Seinen Vorgänger hat es gnädigerweise am Fischbuffet der Kreissparkassen-Jubiläumsfeier dahingerafft. Selbiges Schicksal wird dem Ich-Erzähler nicht gegönnt.

Doch er entwickelt journalistische Überlebensstrategien: „Je schwächer das Wissen, desto stärker die Worte“, lautet eine davon. Hinter einer übergroßen Laptop-Attrappe ist bei langweiligen Dankesreden ein kurzer Power Nap drin. Gegenstände aus Verkaufsannoncen lassen sich prima unter der Hand weiterverticken und stocken das bescheidene Redakteursgehalt auf.

In 44 thematischen und bebilderten Kapiteln wirft Autor Andreas Drouve einen Blick in den Alltag einer „typischen“ Lokalredaktion. Was auf den ersten Blick herrlich überspitzt wirkt, dürfte bei Insidern (die Rezensentin muss sich an dieser Stelle outen, dass auch sie temporär für diese Zunft tätig war) heftiges Kopfnicken hervorrufen. Denn in jeder Satire steckt ein Körnchen Wahrheit, in mancher sogar ein ganzes Getreidefeld. Also lesen Sie zwischen den Zeilen, hinterfragen Sie, zweifeln Sie! Im fiktiven „Bürweiler Blitz“ sind es Menschen wie Du und Ich, welche die Informationen unters Volk streuen und ihren eigenen Launen, kreativen Blockaden und Bestechungen durch Werbegeschenke genauso erliegen wie jeder andere auch. Da beißt die Maus oder vielmehr der Grottenolm keinen Faden ab…!

Andreas Drouve: Den Letzten beißt der Grottenolm.
Schwarzkopf & Schwarzkopf, August 2016.
288 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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