André de Richaud: Der Schmerz (1931)

Allein schon weil Albert Camus sich nach eigenen Angaben im Jahr 1951 durch André de Richauds Lektüre Der Schmerz inspiriert fühlte, selbst Schriftsteller werden zu wollen, macht dieses Buch neugierig.

Die Geschichte trägt sich im Kriegsjahr 1914 in einem kleinen Dorf in der Provence zu. Dabei geht es aber keineswegs um das Geschehen an der Front oder Kriegsgeschichten der Männer. André de Richaud schildert sehr subtil, wie die Frauen und Kinder zu Hause mit den veränderten Lebenssituationen klarkommen müssen.

Eine dieser Frauen ist Thérèse Delombre, die mit ihrem jungen Sohn Georget in einer Villa am Dorfrand lebt. Nachdem sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhält, hält die Tristesse nicht allzu lange an. Jedoch wird sie das Gefühl der Einsamkeit nicht los, die    gleichsam ihrer sexuellen Begierden immer stärker wird. Thérèse versucht zu kompensieren und konzentriert sich nur noch und viel zu sehr auf Georget, den sie mit ihrer Liebe überschüttet. Um die Zweisamkeit mit ihrem Sohn zu durchbrechen nimmt sie ein Flüchtlingsmädchen auf. Später verstößt sie das Kind wieder aus einer eifersüchtigen Laune heraus mit einer perfiden Lüge. Georget durchschaut die Mutter. Die Vertrautheit zwischen Sohn und Mutter wird weniger. Immer häufiger zieht sich der Junge auf den Dachboden zurück. Dort kann er seinen Phantasien und stillen Spielen freien Lauf lassen.

Mit dem Eintreffen von drei deutschen Kriegsgefangenen im Dorf verändert sich vieles. Aber nach und nach werden die drei Deutschen akzeptiert und finden Anschluss und Zugang zu den Einheimischen und dem gängigen Treiben im Dorf. Thérèse dagegen stürzt sich mit einem der Deutschen in eine Liebesaffäre, die sie nicht lange geheim halten kann. Zudem lehnt Georget den Mann von Anfang an rigoros ab. Ein Skandal bahnt sich an und spitzt sich zu.

Das Buch wurde 1931 verlegt und für die damalige Zeit war es für  den Autor ein Wagnis, die Affäre einer französischen Kriegswitwe mit einem deutschen Kriegsgefangenen aus einem ganz anderen, dazuhin ehrlich menschlichen Blick aufzuzeigen. Konträr den gängigen patriotischen Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Konventionen das Rollenbild einer Frau auf deren sexuelle Begehren zu konzentrieren, war zur damaligen Zeit ein Tabu.

Aus dem Nachwort (eBook S. 217) geht hervor, dass André de Richaud das Manuskript mit dem französischen Titel La Douleur 1930 bei der Jury eines Literaturpreises einreichte. Die überragende Qualität des Manuskripts stellte alle anderen Texte in den Hintergrund. Jedoch überwogen die moralischen Bedenken der Juroren und um einen Skandal abzuwenden, wurde die Preisvergabe in jenem Jahr ausgesetzt. Glücklicherweise veröffentlichte Bernard Grasset das Manuskript dennoch im Jahr 1931 ohne auch nur ein Komma zu ändern.

André de Richaud: Der Schmerz (1931).
Dörlemann, März 2019.
220 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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