Alice Feeney: Ich weiß, wer du bist

Schon seit einer Weile wird die Schauspielerin Aimee Sinclair gestalkt. Als ihr Mann Ben den Vorschlag macht, nach London zu ziehen, hofft sie, endlich Ruhe zu finden. Doch ihre Hoffnungen gehen ins Leere, genauso wie die Hilfe der Polizei verpufft. Zwei Tage vor Drehende verschwindet Ben spurlos, ohne Schuhe, Handy, Schlüssel und Jacke. Und wieder gehen die üblichen Ermittlungen der Polizei in die falsche Richtung. Nach einer erneuten Hausdurchsuchung wird Aimee verhaftet. Ihre Karriere, ihr bisheriges Leben drohen zu zerbrechen. Doch was ist mit einem Leben, das schon lange keines mehr ist? Aimee, die seit ihrer Kindheit das Leben einer anderen spielt, sieht sich gezwungen, das zu tun, was sie am besten kann.

Die Journalistin und Autorin Alice Feeney hat mit ihrem zweiten Thriller »Ich weiß, wer du bist« wieder eine kurzweilige Unterhaltung geschrieben, die schnell fesselt. Sprachlich schafft sie es immer wieder, prägnante Sätze wie Pfeile zu schleudern. Wenn es um das Verschwinden ihres Mannes geht, erklärt Aimee: „… Ben kann nicht tot sein. Weil ich ihn nicht getötet habe. Daran würde ich mich erinnern. Ich erinnere mich an alle, die ich getötet habe.“ (S. 198/199)

In der Vergangenheit wurde dem Mädchen Aimee nach traumatischen Erlebnissen ein Gedächtnisverlust diagnostiziert. Ihre Entführerin erklärte der fünfjährigen Aimee: „… Fremden sein wahres Ich zu zeigen ist eine ganz, ganz schlechte Idee. Solange du nie vergisst, wer du wirklich bist, kannst du dich durch Schauspielern retten.“ (S. 147/148)

Aimees Weg scheint vorgegeben zu sein. Die Erfahrungen aus ihrer Kindheit nimmt sie in die Welt der Erwachsenen. Diese lesen sich so erschreckend, dass man bei der Lektüre nicht zu entscheiden vermag, was nun mehr packt, der aktuelle Leidensdruck oder ihr Schicksal. Es stellt sich unweigerlich die Frage, wie viel ein Mensch ertragen kann.

Der von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn übersetzte Thriller bietet alles auf, was grandiose Spannungsunterhaltung braucht. Ab dem 47. Kapitel lässt die Autorin eine zweite Erzählperspektive in die Handlung einfließen, um ein Gegengewicht zu den abgeschlossenen Kindheitserinnerungen aufzubauen. Gleichzeitig lockert sie mit der neuen Perspektive den zuvor hohen Spannungsbogen. Der Wechsel vom zuvor originellen Handlungsverlauf mit viel Nervenkitzel führt nun in eine vertraute, nicht mehr ganz so spannende Richtung. Der finale Kampf mit überraschender Wendung verweist auf eine mögliche Fortsetzung, die auf jeden Fall neugierig macht.

Alice Feeney: Ich weiß, wer du bist.
rororo, August 2020.
400 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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