Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland

Ja! Ja! Ja! Und alle Sterne und meinetwegen den deutschen Buchpreis, oder was immer! Schiefelbusch ist es mit Hochdeutschland gelungen, die Absurdität unseres Daseins, unser Leben im Deutschland des Spätkapitalismus, den Widersinn unserer eigenen Vorstellungen, die Obszönität der Hure Geld, etc., endlich richtig zu verorten und klarzustellen. Wir leben in einer unglaublichen Dynamik, voller bescheuerter Ideologien und sonstigen Dummheiten und der Zug rast, voll mit frohgelaunten, feierwütigen deutschen Kegelbrüdern und quiekendem Wellfleisch auf Junggesellinnenabschied, dem Abgrund entgegen. Victor ist erfolgreicher Investmentbanker in einem Frankfurter Glaspalast und bleibt trotzdem auf wundersamer Weise das ganze Buch durch sympathisch.

Er reitet gekonnt auf hohem Ross durch das Durcheinander der deregulierten Märkte und der Sackgasse des Neoliberalismus und macht damit so unvorstellbar viel Geld wie auch jetzt wieder mit dem Gespür, dass was anders werden muss, bis hin zur verdeckten Verstaatlichung zum Beispiel der Energiewirtschaft. Da geht er bei einem dieser Projekte einem Minister zur Hand, dessen Traum es ist, irgendwann mal in Mailand mit einem Ferrari durchzustarten. Das ist feinste Satire. Victor bewohnt eine Villa im Taunus, eher ein neuzeitliches Schloss, ist natürlich geschieden aber unsterblich verliebt in seine sechsjährige Tochter Victoria. Bei allem Erfolg, auf der für normal Sterbliche Metaebene es Mammons, bleibt da in seinem Wesen ein Ungleichgewicht. Eine unbefriedigte Sattheit die kein Weißwein für 2600€ oder sonst ein Gourmet Menü im Hotel Adlon begradigt. Der Liebe hat er abgeschworen und weiß allerdings immer,  wo und mit wem er seine sexuellen Bedürfnisse aufs Feinste befriedigen kann.  Am Anfang denkt man gleich an de Caprio und Wolf of Wallstreet. Aber Vorsicht, Glatteis. Victor ist tatsächlich ein Mensch und er findet immer wieder eine Art Balance, in dem er quasi inkognito aus seinem Bankerdasein verschwindet und auf „der anderen Seite der Welt“ in Berlin aufschlägt und dort eine unauffällige Wohnung hat. Hier trifft er sich ab und an mit Ali Osman, einen alten Kumpel und jetzt desillusionierter Abgeordneter der Grünen. Sie  ziehen um die Häuser und spiegeln die Gegenwart im Lichte spelunkenhafter Bars und leerer Biergläser.

Und irgendwann, in der Mitte des Buches, oder anders ausgedrückt, auf dem Höhepunkt seiner Langeweile und seiner Einschätzungen, dass alles „so nicht weiter gehen kann“ setzt er sich hin und schreibt ein Manifest. Und das hat es in sich.

Hier habe ich keine Superlative mehr zur Hand um dieses Manifest, nein, nicht dieses – sondern DAS MANIFEST unserer Zeit, zu beschrieben. Das muss man lesen, drin versacken, jubeln, bedenken, ja…sogar endlich mal handeln! Liebe Freundinnen und Freunde!

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland.
Tropen, Mai 2018.
214 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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