Alex Rogers: Das große tiefe Blau

Das große tiefe Blau des Meeres hat Alex Rogers schon als Kind fasziniert. An der irischen Küste fischte sein Großvater, während der Junge Alex die von der Ebbe freigelegten Meeresbewohner untersuchte. Heute zählt er zu den international bedeutendsten Ozeanologen.

Viele Forschungen haben ihm die Fülle an Leben in der Tiefsee vor Augen geführt und begeistert. Wie wichtig die Artenvielfalt in den unterschiedlichsten Korallenriffen ist, erfährt der Laie, wenn Rogers über seine Erlebnisse berichtet. Ob es sich um einen beißenden Wurm aus der Tiefsee handelt oder was passiert, wenn Korallen laichen. Der Autor weiß ganz genau, wie er seine Leser auf seine Tauchgänge mitnehmen kann. Dass jede Reise auch ernüchternde Erkenntnisse beinhaltet, beschreibt Alex Rogers ebenfalls anhand des Fischfangs mit Schleppnetzen. Bei dieser Methode werden tonnenschwere Tore auf Rädern über die Hänge von Tiefseegebirgen und Korallenriffen gezogen. Zurück bleibt eine fast 100 %-ige Zerstörung der Lebensgrundlage aller Meeresbewohner, direkt oder indirekt. Man könnte diese Art von Fischfang im übertragenden Sinne mit dem Roden eines Waldes vergleichen, um ein einzelnes Eichhörnchen zu erlegen.

In der Vergangenheit wurden Kaiserbarsche tonnenweise pro Sekunde aus der Tiefsee gezogen, obwohl die örtlichen Fischverarbeitungsbetriebe bereits überfordert waren. Der überschüssige Fang landete lastwagenweise auf der nächsten Mülldeponie. Wenn der Laie gleichzeitig erfährt, dass Kaiserbarsche frühestens nach dem 30. Lebensjahr laichen, andere Tiefseebewohner nur ein Mal in ihrem Leben, passen Begriffe wie Nachhaltigkeit und schonender Fang sicherlich nicht zu einer industriellen Bewirtschaftung.

In weiteren Kapiteln geht Alex Rogers auf die Klimaveränderung ein, die direkt und indirekt die Ökosysteme der Ozeane zerstören. Das große Ganze steht im Fokus: Gigantische Mengen an Müll, Plastik und Giften. Sie durchdringen alles Leben bis hin zu den Bodenproben in der bereits erwärmten Tiefsee, die ebenfalls Mikroplastik enthalten.

Kapitel für Kapitel kann der Leser ein komplexes Thema erobern und Zusammenhänge begreifen, die teilweise so naheliegend sind, dass sie gern übersehen werden, zum Beispiel: „… Der Sauerstoff für jeden zweiten Atemzug stammt aus dem Ozean.“ (S. 215) oder „… Der gedankenlose Einsatz von Kunstdünger sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf die Temperatur und Vermischung der Weltmeere senken die Sauerstoffkonzentration in den Meeresökosystemen.“ (S. 216)

In den letzten Kapiteln widmet sich Alex Rogers dem Thema Regeneration und der heilenden Wirkung der Natur. Sie zeigen aber auch, dass manche Prozesse sehr, sehr, sehr lange dauern. Aber nur, wenn alle Länder und Konzerne die Meere vor Raubbau und Vermüllung sofort schützen. Sein aufklärendes Buch, übersetzt von Enrico Heinemann und Jörn Pinnow, darf man zu den wichtigsten Büchern in diesem Jahr zählen. Und auch darüber hinaus.

Alex Rogers: Das große tiefe Blau.
dtv, November 2019.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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