Agnès Poirier: An den Ufern der Seine

„… Wann immer die Stadt der Lichter den Besitzer wechselt, gerät die westliche Zivilisation aus dem Gleichgewicht. So ist es seit sieben Jahrhunderten; so war es 1940 …“ (S. 123)

Sie wohnen auf der linken Seite der Seine. Sie sind die Elite, die Intellektuellen und pflegen ihren eigenen Lebensstil. Der Zweite Weltkrieg rüttelt an ihren Glaubenssätzen. Die Besetzung von Paris mit dem einhergehenden harten Regime der Deutschen bringt ihnen Hunger, Unfreiheit, Verrat durch die eigenen Landsleute und im schlimmsten Fall den Tod. Einige von ihnen wandern aus, oder verstecken sich weit weg von Paris. Andere bleiben. Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und viele andere diskutieren über ihre Situation nach der Befreiung.

„[…] Es war die Zeit, die Wirklichkeit […] zu betrachten, wenn man sie verändern wollte.“  „ […] Die Zeit der Selbstgefälligkeit und Doppelbödigkeit war vorbei. […] Man musste sich engagieren. […] Die Lehre, die man aus dem Krieg gezogen hatte, lautete: Gleichgültigkeit erzeugt Chaos.“ (S. 163)

Sie gründen und schreiben für ihre eigenen Zeitschriften, die aufgrund des Papiermangels zunächst einen geringen Umfang hat. Sie wollen schockieren, aufrütteln und die Welt verändern. Es ist die Geburtsstunde des  Existenzialismus. Einige von ihnen, die zuvor lokale Bekanntheit genossen, werden länderübergreifend berühmt. Ihr Leben verändert sich mehr, als sie ahnen.

„[…] Die Künstler waren nicht die Einzigen, die zusehen mussten, wie ihre Welt vom Dogma überlagert wurde, und sich gezwungen sahen, Stellung zu beziehen.“ (S. 332)

Die in Paris geborene Agnès Poirier schreibt für viele Zeitungen. In ihrer Einleitung erklärt die Autorin, dass sie von Menschen erzählen wird, die zwischen 1905 und 1930 geboren wurden und zwischen 1940 und 1950 in Paris lebten. Diese Menschen sind so wichtig, weil ihr „ […] intellektuelles und künstlerisches Schaffen noch heute unser Denken und unsere Lebensweise, ja selbst die Art, wie wir uns kleiden, beeinflusst.“ (S. 23)

Entstanden ist eine faszinierende Geschichte über Paris und ihre Bewohner, die zum Verweilen und Eintauchen verführt. Viele darin genannten Werke machen neugierig. Und wer nach ihnen recherchiert, begreift mitunter ihre Vergänglichkeit. In diesem Zusammenhang darf der Leser verwundert feststellen, dass 2020 erstmalig die Übersetzung eines Buches von David Rousset über seine Erfahrungen als Inhaftierter veröffentlicht worden ist. Es handelt sich hierbei um die literarische Aufarbeitung der Leiden in deutschen Konzentrationslagern. Zusammen mit Sartre hatte Rousset 1948 eine Partei gegründet, die zwischen den Fronten der Gaullisten und den Kommunisten einen dritten Weg anbot und aus diesem Grund unzähligen Angriffen ausgesetzt waren. Sie zeigten, wie wichtig politisches Engagement ist und dies nicht nur in Zeiten des Mangels und des Hungers. Auch heute werden politisch engagierte Bürger und echte Diskussionen gebraucht.

Die Autorin verbindet ihre kurzweiligen Geschichten so geschickt, dass eine stringente und stimmige Gesamtkomposition entstanden ist. Die Magie ihrer Schreibkunst wurde von Monika Töpfer aus dem Englischen übersetzt.

Der Ausflug in die prägende Vergangenheit lohnt sich für alle Leser, die sich für fundiert gestaltete Bücher interessieren.

Agnès Poiriers Buch entwickelt sich Seite für Seite zu einer fesselnden, informativen und zugleich anschaulichen Zeitreise.

Agnès Poirier: An den Ufern der Seine: Die magischen Jahre von Paris 1940 – 1950.
Klett-Cotta, Oktober 2020.
512 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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